Dichtheit & Wahrung. Hervorgegangen aus Der Kutter. Verdrängung ist, was uns über Wasser hält. http://kutter.antville.org/
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» Very fab, Mr. Tobi, Sir.
Beitrag von gHack | 09.04.16 14:07
» Das mit den Zeilenlängen war...
Beitrag von tobi | 09.04.16 14:04

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Im Zentrum des Textes ist es ruhig

Über eine statistische Anomalie an einem 11. September vor zehn Jahren

Es war der Tag, vor dem alles so gewesen war, wie es war.

Ich saß, vermutlich wie üblich etwas vornübergebeugt, an meinem Schreibtisch. Es waren fünf wichtige oder zumindest dringende Texte zu schreiben, am Abend hatten sie fertig zu sein, es gab nichts, was diese Deadline verschieben konnte. Es war ruhig im Büro, niemand rief an, weil niemand sich traute. Der muss jetzt erstmal die Texte fertig machen. Wenn der seine Texte fertig hat, kann man wieder mit ihm reden.

Als mein Telefon klingelte, waren noch vier Texte zu schreiben. Eine Kollegin sagte, ich müsse sofort den Fernseher einschalten, ein Flugzeug sei in das World Trade Center geflogen. Sie klang nicht aufgeregt, eher erstaunt.

Warum sie mich anrief, war natürlich klar. Der einzige Fernseher im Gebäude stand in meinem Büro. Ein Privileg, das nicht immer nur ein Vorteil war und das mir gewährt wurde, weil man dachte, es wäre gut, wenn ich mitbekäme, was in der Welt so los ist. Es stand sogar ein Videorekorder daneben, den ich noch nie eingeschaltet hatte. Die einzige Videokassette in meinem Büro hatte mein Vorgänger aufgenommen.

Ein Flugzeug, das in das World Trade Center geflogen war. Das versprach Bilder, die mir in den Abendnachrichten bestimmt auffallen würden, falls ich bis dahin mit den Texten fertig sein sollte. Ich bin kein mitleidloser Mensch, ich weine sogar gelegentlich im Kino. Aber immerzu gab es diese Zugunglücke und Flugzeugsabstürze und Seilbahnrisse und Wirbelstürme und Tunnelbrände und Hochwasser und Attentate. Das Flugzeug, das in das World Trade Center geflogen war, würde nun in diesen nie versiegenden Strom von Katastrophenbildern, den wir Zeitgeschichte nennen, einfließen. Aber das Leben wird nicht besser und die Schrecken, die das Leben bereitet, werden nicht kleiner, wenn man sich diese verwackelten grobkörnigen Ereignisse auch noch live anschaut. Nach den Abendnachrichten würde es bestimmt eine Sondersendung geben, die mich über alles notwendige in Kenntnis setzen würde, und am Jahresende würde ich mich bei einem der zahllosen Jahresrückblicke vielleicht sogar an sie erinnern.

Die letzte große Live-Katastrophe, die mir in den Sinn kam, war das Zugunglück von Eschede. Der deutsche Lokalreporter, der die Hubschrauberbilder für CNN per Telefon kommentiert hatte, hieß Michael Ende. Jemand erklärte, Eschede würde »das Vietnam-Trauma des deutschen Rettungswesens« werden. Am Tag nach dem Unglück wurden mir auf einem Supermarkt-Parkplatz in Schleswig seltsame Betroffenheitsbekundungen entgegengebracht, weil ich aus einem Auto mit Celler Kennzeichen stieg, das mir nicht einmal gehörte. Mitgefühl schien eine beliebig abrufbare Ressource zu sein, die sich mehr auf das eigene Sensationsempfinden als auf das eigentliche Unglück zu richten schien.

Ich erinnerte mich daran, dass vor ein paar Jahren in den Niederlanden ein Flugzeug in einen Vorort gestürzt war. Nach dem »heute journal« mit spektakulären Bildern vom blaulichtblinkenden Chaos am Unglücksort zeigte das ZDF programmgemäß einen mittelmäßigen Zeitreise-Film. Er beginnt mit einem Flugzeugabsturz in ein Wohngebiet. »Wer war der erste am Unfallort?«, fragte ein Ermittler. »Der Pilot«, antwortete ein anderer. In diesem Moment wussten mindestens zwei Bedienstete des ZDF, dass sie am nächsten Morgen ein unangenehmes Gespräch miteinander führen würden.

Um am nächsten Morgen nicht selbst ein unangenehmes Gespräch führen zu müssen, schaltete ich den Fernseher nicht ein, sondern begann die Arbeit am nächsten Text. Die Institution, für die ich regelmäßig arbeitete und gelegentlich schrieb, hatte mich mit der Leitung einer kleinen Entität betraut, die im Organigramm etwas abseits vom Rest der lotrecht aufgehängten Kästchen schwebte und etwas mysteriös mit einem einzelnen Buchstaben aus der zweiten Hälfte des Alphabets bezeichnet war. Wenn mich jemand fragte, was ich beruflich trieb, sagte ich, ich arbeitete für die Regierung. In gewisser Weise war das nicht falsch. Ich hatte mir abgewöhnt, die Wahrheit zu sagen, und ich hatte mir abgewöhnt zu lügen. Ich sprach überhaupt nicht allzu viel, und ich benutzte viele Worte, um darüber hinwegzutäuschen.

Die Kollegin rief wieder an. Ob ich meinen Fernseher endlich eingeschaltet hätte. Es sei gerade noch ein zweites Flugzeug eingeschlagen. In den anderen Turm. Ich rief mir das World Trade Center vor Augen. Richtig, zwei Türme. In »Die drei Tage des Condors« hatten sie geschimmert wie eine Kathedrale. Ich dachte an khlav kalash.

Das zweite Flugzeug. Dies ist der Moment, von dem jeder meiner Kollegen, meiner Freunde, all der klugen Menschen, mit denen ich zur Interaktion verdammt bin, sagt, da habe er gleich gewusst, was die Stunde geschlagen hat: Das bedeutet Krieg. Eine neue Weltordnung. Clash der Zivilisationen. Christen gegen Muslime. Asymmetrische Bedrohungslagen, Erschütterungen der geostrategischen Tiefentektonik. Krieg gegen den Terror, der neue heiße kalte Krieg. So sind sie, die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Sie sind nicht doof. Sie wissen sofort Bescheid, und sie finden für alles einen Kontext.

Alles, was ich in diesem Moment dachte, war: »Mein Gott, zwei Flugzeuge, zwei Türme, wie statistisch unwahrscheinlich ist das denn bitte?« Mit Unwillen registrierte ich, wie meine Neugier wuchs. Dieser Vorfall war nicht nur als statistische Anomalie auffällig. Das hatte emblematisches Potential. Ich könnte das vielleicht in den Texten verwenden.

Menschen standen in meiner Tür und fragten, ob sie den Fernseher einschalten dürften. Ich kannte das schon, einige von ihnen schauten sich auch ausgewählte Sportereignisse in meinem Büro an. Mich störte das nicht. Solange ich nicht reden muss, kann ich auch schreiben. Offenbar liefen nun auf allen Kanälen Live-Bilder vom Unglücksort, die sich endlos mit Aufzeichnungsschnippseln der Flugzeugeinschläge abwechselten und mit staunendem Entsetzen von den Umstehenden kommentiert wurden. Gelegentlich schwoll abrupt ein Raunen an und ab wie im Stadion. Das Büro wurde immer voller, verschiedene Gesprächsfetzen krallten sich aneinander. Es wurde lauter. Ich arbeitete im Text. Im Zentrum des Textes ist es immer ruhig.

Zwischen den Schultern und Köpfen der anderen flimmerte der Fernsehschirm, und als ich kurz aufschaute, erkannte ich einen dunklen Punkt, der aus dem Hochhaus stürzte und dabei seinen Umriss veränderte. Einige Kollegen stöhnten wie unter Schmerzen auf. Wir wussten noch nicht, dass dies der Tag vor dem Tag war, an dem die Redewendung »jemand in den Türmen verloren haben« in unseren Sprachschatz einging. Ich schrieb den letzten Text fertig und ging nach Hause. Ich verpasse keine Deadlines.

Am Abend erreichte mich meine Mutter am Telefon. Sie hatte sich Sorgen gemacht und war froh, mich zu hören. Ich war verwirrt. Was hätte mir passieren sollen? Im Fernsehen hörte ich verschiedene Variationen des Satzes, nichts würde nach diesem Tag mehr so sein wie es war. Aber wie war es eigentlich? Wie war es bis zu diesem Tag gewesen? Ich versuchte, mir darüber klar zu werden. Ich wusste es nicht. So war es immer, und ich befürchtete, dass es auch nach diesem Tag so bleiben würde.




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boecker  |  11. September 2011 08:30:00 MESZ

Eben deswegen

ist Twitter manchmal nicht genug.















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