Dichtheit & Wahrung. Hervorgegangen aus Der Kutter. Verdrängung ist, was uns über Wasser hält. http://kutter.antville.org/
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Wessis in Weimar
Wessis in Weimar


Gebucht bei Jugendtourist: eine Busreise im Oktober und November 1989 durch die DDR. 25 Jahre später bleibt die Erkenntnis: Das spannendste am Mauerfall waren die letzten Tage davor.

Kutter in Weimar, November 1989


Unentwegt schimpfte der alte Mann auf mich ein. Eine Unverschämtheit sei das, in dieser Situation! Gewissenlose Provokateure seien wir! Es war ein frischer Herbsttag, wir standen auf einem holperigen Parkplatz in Magdeburg. Der Mann fuchtelte mit seiner Rechten in Richtung unseres Reisebusses, schnappte nach Luft und redete sich weiter in Rage: Unerhört, alle in einen Sack packen und draufhauen!

Es war der letzte Stop am letzten von fünf Tagen, an denen wir durch die DDR gereist waren. Als nächstes wollten wir das Land über den Grenzübergang Marienborn wieder verlassen. Obwohl wir uns nicht immer ganz unauffällig verhalten hatten, hofften wir auf eine reibungslose Ausreise. Die Wut des fremden Mannes auf dem Parkplatz verunsicherte mich. Was hatten wir getan?

Es war noch keinen Monat her, als es in Dresden zu schweren Ausschreitungen gekommen war. Um den Exodus ihrer Bürger ins sozialistische Ausland zu stoppen, hatte die DDR-Führung am 3. Oktober 1989 die Grenze zur Tschechoslowakei geschlossen. Mehrere Tausend Menschen demonstrierten tags darauf am Dresdner Hauptbahnhof. Ohne eine Bahnsteigkarte zu lösen, wie Lenin einst gehöhnt hatte, versuchten etliche von ihnen, auf die letzten Sonderzüge aufzuspringen, mit denen die «Botschaftsflüchtlinge» aus Prag in den Westen gebracht wurden. Die Sicherheitskräfte, mit robustem Mandat ausgestattet, machten dem Treiben schließlich mit Schlagstöcken und Wasserwerfern ein Ende.

Kurz darauf, am 29. Oktober 1989, war unser westdeutscher Reisebus über den Grenzübergang Herleshausen gerollt, Richtung Dresden. Die Ausstattung war komfortabel, sogar ein Fernseher mit Videorekorder war an Bord. Eine VHS-Kassette des James-Bond-Klassikers «Liebesgrüße aus Moskau», die noch im Gerät steckte, hatten wir vorsichtshalber blicksicher verstaut. Wir wollten bei der Einreise ja nicht mit imperialistischer Propaganda im Gepäck auffallen.

Auf den Seitenwänden des Busses prangte in großen, bunten Lettern der Name des Fuhrunternehmens: «fahr mit!»

* * *

Ich war gerade volljährig geworden. Ich war nun berechtigt, ein Kraftfahrzeug zu führen und mein Fehlen in der Schule mit eigener Unterschrift zu entschuldigen. Ansonsten trug ich mein Bündel spätpubertärer Unsicherheiten mit mir herum, für das es keinen besseren Nährboden gab als das Kleinstadtgymnasium im Landkreis Hannover, an dem ich meiner Hochschulreife entgegendämmerte. Nicht weit von hier hatte Ronald M. Schernikau sein Abitur gemacht, der noch als Schüler die viel beachtete «kleinstadtnovelle» geschrieben hatte. Später war er nach Westberlin gezogen und im Sommer 1989, als überzeugter Kommunist, in die DDR übergesiedelt.Weltgeschichte
im Reisebus.
Wir haben
Wandergitarren dabei.


Mein Ausbruch aus der kleinstädtischen Enge war weniger originell. Er bestand aus einer intensiven Beschäftigung mit den Platten der Smiths und einem unmissverständlich vorgetragenen Bekenntnis zur politischen Linken. The Smiths hatten sich allerdings bereits vor zwei Jahren aufgelöst, und nun zeichnete sich mit dem beginnenden Brodeln in der DDR auch ein schicksalhaftes Jahr für die Linke ab.

Ich war kein Anhänger der DDR, aber ich betrachtete mich als Marxist. Mein theoretisches Fundament bestand im Wesentlichen aus der Lektüre von Erich Fromms «Das Menschenbild bei Marx». Das war immerhin genug, um mich gegen die vermeintlichen Verheißungen des Staatssozialismus sowjetischer Prägung zu imprägnieren, allerdings auch zu wenig, um zu verhindern, dass ich schon wenige Jahre später leichte Beute fashionabler französischer Virtualapostel werden sollte. Dass die ganze Welt bloß eine Simulation sei, das war einfach ein zu tröstlicher Gedanke für einen, dessen Weltekel immer eher von Smiths-Sänger Morrissey als von Marx beschrieben worden war.

Das Jahr 1989 hingegen befand sich noch fest in der Hand der Realität. Immer hatte ich bis dahin etwas fasziniert auf die Hippies und die 68er zurückgeschaut, auf ihre seltsam affektiert zum Vortrag gebrachten revolutionären Aufwallungen, für die meine Generation weder die Kraft aufzubringen noch einen geeigneten Anlass zu finden schien. Hätte man etwa «Oh! Oh! Or-te-ga!» skandierend durch die Fußgängerzone ziehen sollen? Wenn schon der Nicaragua-Kaffee im Kulturzentrum immer so mies schmeckte?

Jetzt aber bahnte sich ein weitaus folgenschwererer Umbruch an, und einmal mehr war es nicht unser eigener. Das Schauspiel einer friedlichen Revolution in der DDR besichtigte man wie ein Theaterstück, nah am Geschehen und doch davon ausgeschlossen. Mit einem Unterschied: In jener letzten Oktoberwoche überquerten wir den Orchestergraben und staksten nun durch ein Stück, dessen Ausgang völlig offen war.

* * *

Bereits im Sommer des Vorjahres hatte eine lose Gruppe aus örtlichen Jusos und einem Fähnlein befreundeter Gymnasiasten bei Jugendtourist, der offiziellen Reiseorganisation der FDJ, eine Informationsreise in die DDR angemeldet. Was danach geschah, hatte niemand ahnen können. Der wachsende Unmut nach der offenkundig gefälschten Kommunalwahl, die dramatische Ausreise- und Flüchtlingswelle, die immer größer und lauter werdenden Demonstrationen, gegen die eine ratlose Staatsmacht mal mit aller Härte einschritt, um sie ein anderes mal wieder unbehelligt gewähren zu lassen: Die DDR, die der Springer-Verlag gerade erst von ihren Gänsefüßchen befreit hatte, schien ins Wanken zu geraten.Die DDR. Würde man dort leben wollen? Man hieß ja nicht Schernikau.

So unvorhersehbar dieser wechselhafte Frühling im Herbst gekommen war, so unklar war in diesen Tagen auch, wie es weitergehen würde. Nicht nur das harte Einschreiten der Staatsmacht in Dresden und anderswo hatte viele vorschnelle Hoffnungen gedämpft. Erich Honecker war als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED durch Egon Krenz ersetzt worden, den niemand für einen Reformer hielt; noch vor kurzem hatte er großes Verständnis für das Blutbad am Tiananmen-Platz geäußert. Niemand wusste, ob der «Keine Gewalt!»-Appell der Demonstranten ein naiver Traum bleiben würde.

Sollte man die Reise ins Ungewisse nun antreten? Neugier und Abenteuerlust schoben letztlich alle Bedenken beiseite. 16 junge Westdeutsche machten sich auf den Weg, um Weltgeschichte in einem Reisebus zu erleben. Besuche in Dresden, Leipzig, Weimar, Cottbus, Magdeburg hatte Jugendtourist auf das Programm gesetzt, die Hauptstadt der DDR blieb ausgespart. Wir hatten Wandergitarren dabei.

Vor Grenzübertritt hatten wir ein Seminar der Bundeszentrale für politische Bildung absolviert, in dem uns der Referent – der Politologe Bernward Baule, der später einmal Redenschreiber von Horst Seehofer werden sollte – noch einmal auf den Unrechtscharakter der DDR hinwies. Das war allerdings nicht notwendig gewesen: Jede Verharmlosung des offenkundigen Mangels an Freiheit und Demokratie als kleineres Übel auf dem Weg zum großen Ziel erledigte sich mit der einfachen Frage: Würde man dort leben wollen? Eben. Man hieß ja nicht Schernikau.

Linke Verklärung gab es gleichwohl. Daheimgebliebene Freunde hatten uns noch vom Segen des Zwangsumtauschs überzeugen wollen: Es gehöre sich nicht, ein sozialistisches Land zu betrügen. Einige von uns schmuggelten trotzdem heimlich DDR-Mark über die Grenze. Ich selbst tauschte zwar brav 1:1, allerdings weniger aus «internationaler Solidarität», sondern aus Respekt vor der Humorlosigkeit der staatlichen Stellen.

Auch das Argument, die DDR sei bei aller Unvollkommenheit immer noch weniger unvollkommen als die kapitalistische BRD, verfing nicht. Was die Bundesrepublik betraf, die wir aus vollem Herzen für ihre Unzulänglichkeiten kritisierten, ohne auf ihre Annehmlichkeiten verzichten zu wollen, habe ich immer einen Satz beherzigt, den Elliot Gould in Alan Arkins und Jules Feiffers schönem Film «Little Murders» gesagt hat: «Es ist sehr gefährlich, ein System zu bekämpfen, wenn man nicht ganz genau weiß, dass man es hinterher nicht vermissen wird.»

Diese Sorge hatten die Menschen in der DDR offenkundig hinter sich gelassen.

* * *

Wer in Königstein in der Sächsischen Schweiz die Jugendherberge sucht, der muss erst eine kleine Fähre besteigen, die ihn an das andere Elbufer bringt. Dort steigt man einige Treppen hinauf zu einem alten Fachwerkhaus, das einst als Naturfreundehaus gegründet wurde und später von den Nazis zum «Schutzhaftlager» umfunktioniert wurde. Zu DDR-Zeiten eröffnete hier die Jugendherberge «Julius Fučík», benannt nach einem tschechischen Autor und Kommunisten, der von Freislers Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde. Diese Einrichtung hatte Jugendtourist als Schlafquartier für uns gebucht.«Burn down the Disco», so hatten schon die Smiths einst gefleht.

Die Abgeschiedenheit dieses Ortes konnte man idyllisch finden oder einfach nur hinderlich. Die Elbfähre stellte um 23 Uhr ihren Betrieb ein. Gegen Devisen konnte man eine kleine Flexibilisierung aushandeln, doch der Aktionsradius blieb eingeschränkt. Also packten wir abends im Speisesaal die Wandergitarren aus und belustigten die anderen Gäste: eine Schulklasse und ein Ehepaar im Wanderurlaub. Wir spielten Selbstgeschriebenes und Neil Youngs «Rockin’ in the Free World».

Während der Anreise waren alle üblichen Klischees bereits bedient worden: mürrische Grenzsoldaten, rumpelige Straßen, riesige Plattenbausiedlungen an den Stadträndern. Doch am meisten faszinierten mich die vielen Fenster, aus denen nachts ein seltsames violettes Licht schimmerte. Kein politisches Statement, wie mir unsere Reiseleiterin erklärte, die kurz nach unserem Grenzübertritt den «fahr mit!»-Bus bestiegen hatte, sondern die Lumoflor-Pflanzenleuchten des volkseigenen NARVA-Werks. Die Begleiterin hieß (oder nannte sich) Romy Schneider und eskortierte uns fortan im Auftrag von Jugendtourist bei der Absolvierung unseres offiziellen Programms.

Drei Botschaften schien uns das staatsnahe Reisebüro vermitteln zu wollen: In Buchenwald wurde bei einer bedrückenden Führung durch das ehemalige Konzentrationslager nicht auf den Hinweis verzichtet, dass die DDR die wahre Hüterin des antifaschistischen Erbes sei. In Weimar betonte ein sogenannter Stadtbilderklärer, dass die DDR die wahre Hüterin des humanistischen Erbes sei, bei der Weimarer Klassik beginnend und beim Bauhaus nicht endend. Und bei Besuchen von Restaurants wie dem «HO Klub der Werktätigen» in Dresden wurden ausnahmslos üppig beladene Aufschnitt- und Fleischplatten aufgefahren, um keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass in der DDR kein Mangel an Grundnahrungsmitteln herrschen konnte. Meine kurz zuvor begonnene Karriere als Teilzeitvegetarier (The Smiths: «Meat Is Murder») fand hier ihr jähes Ende.

Damit das Besuchsprogramm besser auf uns abgestimmt werden konnte, hatten wir im Vorfeld der Reise auch eigene Interessen benennen können. Dem Zeitgeist der achtziger Jahre folgend hatten wir die Umweltpolitik genannt. Was konnte für Jugendtourist also näher liegen, als für uns eine Diskussion mit jungen Führungskräften der Wasseraufbereitungsanlage Cottbus II anzusetzen, die uns eine Filteranlage präsentierten und versicherten: Die Wasserqualität habe in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen! Man konnte sich streiten, ob dieser Programmpunkt nun ein gut gemeinter Versuch war, unseren Interessen gerecht zu werden, oder ob er ein besonders maliziöses Humorverständnis der Reiseplaner verriet, in deren Gesellschaftsverständnis die ökologische Frage wohl eher einen Nebenwiderspruch darstellte.

Für uns war sie das mittlerweile allerdings auch. Uns interessierte brennend der Hauptwiderspruch, der das Land nun bereits seit Wochen in einem kippeligen Schwebezustand hielt. Die Friedensgebete, mit denen die Bürgerrechtsbewegung einen ersten Schritt in die Öffentlichkeit gewagt hatte, waren zu großen Demonstrationszügen ausgewachsen, und am Tag unserer Einreise versammelten sich unter dem Titel «Offene Türen, offene Worte» nach offiziellen Angaben mehr als 20.000 Bürger zu einer «Dialog»-Veranstaltung vor dem Roten Rathaus und in der Kongresshalle in Berlin. Während unser Bus zum ersten Mal nach Königstein ruckelte, prophezeite Günter Schabowski vor der Menschenmenge: «Die Demo wird zur politischen Kultur in Berlin gehören!» Und das erstaunlichste war: Das lasen wir am nächsten Tag im «Neuen Deutschland». Wie übrigens auch die Nachricht, dass die Disco in unserer niedersächsischen Heimatstadt gerade abgebrannt war.

«Burn down the Disco», so hatten schon die Smiths einst gefleht. Etwas war im Schwange.

* * *

Auch in Dresden hatte die SED den Dialog mit dem aufmüpfigen Volk aufgenommen. Als wir eine Andacht in der gut gefüllten Dresdner Kreuzkirche besuchen, sind wir darauf vorbereitet, auf versteckte politische Andeutungen in der Predigt zu achten. Doch zwischen den Zeilen ist wenig Platz für Unausgesprochenes. Der Pastor berichtet ausführlich von einem Treffen der «Gruppe der Zwanzig» mit der Führung des Rathauses. Die Einsetzung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe von Partei und Opposition zur Aufklärung der Polizeiübergriffe am Hauptbahnhof sei verabredet worden, ebenso weitere Arbeitskreise über Presse- und Reisefreiheit, wirtschaftliche Reformen, mehr Demokratie. Als zwei Kirchenvertreter ihre Konzeption eines christlichen Sozialismus vorstellen, marschiert ein Fernsehteam der ARD herein, baut seine Kamera auf und rollt Kabel aus. Doch für den Korrespondenten ist diese Andacht nichts besonderes mehr, erzählt er: «Man muss schon auf gut Glück herumfahren, um noch etwas neues zu finden.»«Glaubt ihr etwa, wir haben hier keine Kekse?»

Die «Gruppe der Zwanzig», ein Kreis von Bürgern und Kirchenleuten, die eher zufällig bei einer aufgelösten Demonstration übrig geblieben waren, ist schnell zum Sprachrohr der Reformbewegung und zum Ansprechpartner des Oberbürgermeisters Wolfgang Berghofer geworden. Doch etwas sehr wichtiges, das sie ihren offiziellen Gesprächspartnern abspricht, fehlt auch ihr: eine ordentliche demokratische Legitimation.

Zwei Tage nach der Andacht drängt sich ein knappes Dutzend Menschen in den Eingang der Kreuzkirche, um sich vor dem Nieselregen zu schützen. Sie wollen ein Mehrparteiensystem wie in Ungarn und mehr Wettbewerb in der Wirtschaft. Und sie verteilen kleine, hektographierte Zettel an Passanten. Unter der Überschrift «Vollmacht» ist in Schreibmaschinenschrift zu lesen:

»Ich bevollmächtige – bis auf Widerruf – die Mitglieder der ‚Gruppe der Zwanzig’, meine Interessen offiziell und öffentlich zu vertreten, sowie in meinem Namen Gespräche und Verhandlungen mit staatlichen Stellen, Vereinigungen, Organisationen und Parteien der DDR zu führen, um damit eine umfassende und gewaltfreie Veränderung der Gesellschaft zum Guten hin in Dresden und Umgebung zu bewirken.» Darunter: Raum für Datum und Unterschrift.

Vollmacht

Man könnte sich darüber lustig machen, dass Deutsche selbst in einer revolutionären Phase zuerst ein Formular einschließlich Widerrufsklausel entwerfen. Doch die Ernsthaftigkeit dieses – wenn auch symbolischen – Versuchs, den Reformprozess bei aller Improvisation und Unübersichtlichkeit so korrekt und anständig wie möglich «zum Guten hin» zu organisieren, beeindruckt uns. Überhaupt sind die meisten Protestformen von entwaffnender Schlichtheit, etwa wenn die örtliche Außenstelle des Ministeriums für Staatssicherheit von einem flackernden Band aus Kerzen umstellt wird.

Soviel idealistischer Sanftmut ist selten in der deutschen Geschichte. Er findet seinen Ausdruck auch in den mannigfachen, engbeschriebenen Positionspapieren der verschiedenen Bürgergruppen, wie sie an Stelltafeln in der Nikolaikirche in Leipzig aushängen. Hier werden Visionen einer besseren Gesellschaft, eines demokratischeren Sozialismus formuliert, aufmerksam gelesen von Grüppchen dicht gedrängt stehender Bürger. Und auch wenn sich nicht immer ausmachen lässt, ob das Bekenntnis zum Sozialismus nun ein taktisches ist oder eines aus Überzeugung, so erstrahlen in vielen dieser Texte die Möglichkeiten politischer Theorie in einer tapferen Schönheit.

Doch oft zerbirst die Schönheit im Gespräch. Ein Arbeiter, Anfang dreißig, der in Dresden die Vollmacht-Handzettel verteilt, gibt damit an, wie er «einen Polacken K.O. geschlagen» habe, weil der ihn einen Faschisten genannt hätte. «Erst kaufen sie die ganze DDR leer, und dann werden sie auch noch frech.» Auch für die «Fidschis», die vietnamesischen Gastarbeiter in der DDR, hat er nicht viel übrig: die machten lieber Überstunden statt zu demonstrieren. Ein anderer, um die 40, aber mit tiefen Falten im Gesicht, erzählt, er habe zwei Jahre in Bautzen abgesessen, weil er seine Meinung gesagt habe. »Da gibt es Zellen, die werden einen Meter tief unter Wasser gesetzt. Jeden Morgen wird man mit dem Gummiknüppel geweckt.» Doch am meisten schimpft er auf die Übersiedler, die in den Westen gegangen sind: «Jedem von denen wünsche ich, dass sie in der BRD auf der Straße stehen!»

So hatten wir wohlbehüteten jungen Linken uns eine umsturzbereite Arbeiterschaft nicht vorgestellt.

* * *

«Glaubt ihr etwa, wir haben hier keine Kekse?» Die junge Studentin schüttelt den Kopf. Gerade hatte der Vormann unserer Reisegruppe ein großzügiges Gastgeschenk überreicht: eine Dose dänischer Butterkekse aus dem heimischen Supermarkt. Die Studentin denkt vermutlich gerade an Glasperlen für die Eingeborenen. Aber zumindest trumpfen wir nicht auf wie die reichen Onkel aus dem Westen.

Wahrscheinlich sind die Studenten der PH Dresden, die mit uns über politische Partizipationsmöglichkeiten junger Menschen debattieren sollen, handverlesen. Doch wer vor kurzem noch als linientreu galt, muss es heute nicht mehr sein. Die Diskussionen, für die wir uns in kleinen Gruppen an mehrere Tische verteilen, sind offen und kritisch. Es ergibt sich kein einheitliches Bild, wohin man will und was man sich vom Westen erwartet. Aber so wie es ist, so dürfe es nicht bleiben. Von Einschüchterung und Angst vor Spitzeln ist an diesem Abend nichts zu spüren, von wolkigem Idealismus aber auch nicht: Höchste Zeit sei es, dass sich das Warenangebot verbessere!Die FDJ in Cottbus ist auch für Reformen – unter ihrer Führung.

Was denn unser erster Eindruck von der DDR gewesen sei? Nicht sehr originell, aber aufrichtig zeigen wir uns betrübt über die allgegenwärtigen düsteren Fassaden: Haus für Haus, Straße für Straße in diesem immergleichen tristen Grau. «Ja, was!», entfährt es einer Studentin, «sollen wir unsere Häuser etwa bunt anmalen?» Zugegeben, das drängendste Problem der DDR hatten wir wohl nicht gerade angesprochen, als Wessis hatten wir uns gleich einmal von unserer oberflächlichen Seite präsentiert. (Andererseits: Kaum war die DDR ein Jahr später der Bundesrepublik beigetreten, begann die Fassadensanierung.) Als wir das Hochschulgebäude am späten Abend wieder verlassen, strömen die Menschen in Scharen zur Montagsdemonstration. Wir sind neugierig, aber wir müssen zu unserem Bus. Die letzte Fähre wartet nicht.

Kontakt mit der neuen politischen Kultur gibt es dafür tags darauf. Zum Abendessen im Weimarer «Theaterkasino» werden wir am vernehmlich murrenden «sozialistischen Wartekollektiv» vorbei zu unseren reservierten Tischen geführt. Drinnen wird einmal mehr Fleisch in unterschiedlichsten Darreichungsformen serviert. Als wir das Restaurant wieder verlassen, geraten wir direkt in einen Demonstrationszug. Da wir die gleiche Richtung haben, werden wir unfreiwillig zu Mitdemonstranten. «Bürger Weimars, schließt Euch an!», skandiert die Menge, «Stasi in die Produktion» und «Egon, reiß die Mauer ein, denn wir brauchen jeden Stein.»

Die FDJ-Bezirksleitung Cottbus ist auch für Reformen. So sehr, dass sie sich sogar an die Spitze der Reformbewegung setzen will. «Wir erheben keinen Anspruch auf die einzige, ewige Wahrheit. Nie, nie mehr. Wir wollen die Wende radikal mittragen und voranbringen. Wir wollen den Sozialismus attraktiver machen.» Die Einheitsorganisation der Jugend sieht sich schon wieder als Avantgarde, deren «Initiative und Verantwortung bei weitreichenden Reformen gebraucht» werde. Die DDR offener und pluralistischer zu machen, das gehe aber nicht ohne die Führung einer marxistisch-leninistischen Partei.

Die Proteste auf den Straßen nimmt man hier nach gutem Brauch dialektisch: «Die gesellschaftlichen Widersprüche treiben uns voran.» Die jungen Funktionäre wirken übernächtigt und verunsichert, es scheint, als trieben die gesellschaftlichen Widersprüche sie eher vor sich her. An der Wand hinter ihnen ein helles Rechteck. Hing da etwa das obligatorische Honecker-Porträt? Die neuen Krenz-Bilder scheinen noch nicht eingetroffen zu sein. Auf dem Besprechungstisch stehen Kekse.

* * *

In der Kreuzkirche hatte uns jemand eine Adresse gesteckt. Ein (wenn ich mich heute noch richtig erinnere) Jugendpfarramt am Dresdner Stadtrand sollte eine Art inoffizielles Zentrum der örtlichen Opposition sein. Unter dem Vorwand, Bücher kaufen zu wollen (ich habe auf dieser Reise unter anderem die «Ausgewählten Werke» von Marx und Engels in sechs Bänden aus dem einschlägigen Dietz-Verlag erstanden), entziehen wir uns zu viert der Aufsicht Romy Schneiders. Ortsfremd wie wir sind, fragen wir einen Volkspolizisten höflich nach dem Weg.Wir stapften wie gutmütige Elefanten durch den HO-Laden.

Als eine kleine Frau mittleren Alters uns öffnet, beschleicht uns das absonderliche Gefühl, bereits erwartet worden zu sein. Wir werden hereingebeten, und nachdem wir die Umstände unseres erstaunlichen Erscheinens erklärt haben, beginnt eine angeregte Diskussion über die Zukunft des Sozialismus und der DDR. Darüber, ob eine kapitalistische DDR neben der Bundesrepublik überhaupt eine Existenzberechtigung habe und warum wir im Westen eigentlich auf einen Durchbruch der Reformbewegung hofften. Wir sind beeindruckt von der großen Ernsthaftigkeit, mit der ein junger Kirchenmitarbeiter erklärt, das höchste Gebot sei nun Vorsicht, denn: «Diese Chance wird unsere einzige sein.»

Dann schellt es an der Tür. Unsere Gastgeber zucken zusammen, ihre Blicke verraten Anspannung und Wachsamkeit, vielleicht auch Angst. Erst jetzt verstehen wir: Diese Menschen hatten selbstverständlich nicht mit uns gerechnet. Sie rechneten noch immer mit allem.

Der Besuch an der Tür ist harmlos. Doch als wir kurz darauf aufbrechen, bemerken wir einen geparkten Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Jemand sitzt darin. Was immer das bedeuten mochte oder auch nicht, eines ist gewiss: Wir machen es den Leuten nicht gerade leicht, vorsichtig zu sein. Wir hatten uns anstecken lassen von der Aufbruchstimmung, die uns überall entgegen geschlagen war, und stapften wie gutmütige Elefanten durch den HO-Laden. Jetzt begreifen wir, warum der Slogan «Keine Gewalt!» auf den Demonstrationen noch immer eine solche Bedeutung hat: Weil das Spiel noch nicht aus ist.

Beschämt von unserer Gedankenlosigkeit machen wir uns auf den Weg zurück in die Stadtmitte, zu unserem «fahr mit!»-Bus.

* * *

Keine drei Monate später, jetzt ist das Spiel aus. Wenige Tage nach unserer Ausreise, am 9. November, hatte Günter Schabowski überraschend, offenkundig auch für ihn selbst, die innerdeutsche Grenze für geöffnet erklärt. Egon Krenz wurde durch Hans Modrow abgelöst und eine freie Neuwahl der Volkskammer angesetzt. Es ist Februar 1990, als ich zum zweiten Mal in die DDR einreise. Der Wahlkampf geht gerade in seine entscheidende Phase. Noch weiß niemand, dass es die letzte Volkskammer sein wird, die gewählt wird, aber viele hoffen es bereits.Auf den Marktplätzen der Ruf nach einem gewissen «Helmut»

Aus Bürgerrechtsgruppen sind Parteien, Bündnisse und Allianzen geworden, die alten Blockparteien der Nationalen Front versuchen hastig, sich neu zu erfinden. Noch einmal werden Flugblätter verteilt, noch einmal Gesellschaftsbilder für eine bessere, gerechtere DDR entworfen. Doch auf den Marktplätzen dominiert längst der Ruf nach einem gewissen «Helmut», man will die D-Mark. Zwei junge Männer, die sich im Wahlkampf für das von Lothar de Maizières Ost-CDU geführte Wahlbündnis «Allianz für Deutschland» engagieren, versuchen mir bei Bier und Korn zu erklären, warum Dr. Kohl ihre einzige Hoffnung sei. Sie können nicht verstehen, dass ich sie nicht verstehen kann. Ein lustiger Abend wird es trotzdem.

In Salzwedel lerne ich eine junge Frau kennen, die meine Leidenschaft für Wahlprogramme verschiedenster Kleinparteien freundlich-amüsiert zur Kenntnis nimmt und mich zu einem Abendessen in ihr Elternhaus einlädt. Ihre Eltern sind Mitglieder des Neuen Forums, engagieren sich für das Bündnis 90. Ich erzähle ihnen von meinem deutschen Herbst, und sie erzählen mir von ihrem. Ende Oktober waren sie auf Wanderreise in Sachsen. Übernachtet hatten sie in einer Jugendherberge in Königstein und sich gewundert über ein paar westdeutsche Jugendliche mit Gitarren, die seltsame Musik machten. Wir gleichen die Daten ab und können es kaum fassen.

Ich erzähle vom «fahr mit!»-Schriftzug auf unserem Bus und dass mir dieser während der gesamten Reise überhaupt nicht aufgefallen war, bis uns in Magdeburg der aufgebrachte Rentner auf dem Parkplatz deswegen zu beschimpfen begann. Hatten wir nun seinen Unmut erregt, weil er ein Anhänger der alten Ordnung war und Republikflucht für ihn noch immer ein Verbrechen war? Oder war er einer, der auf Reformen setzte und nicht verstand, wie sich die Übersiedler aus ihrer Verantwortung für eine bessere DDR stehlen konnten? Wie hätte man ihm erklären können, dass man im Westen gelernt hat, die allgegenwärtigen Werbebotschaften einfach auszublenden und sich nichts dabei zu denken? Dass die Wahl des Busses nur ein Zufall war und wir tatsächlich niemand zum Mitfahren auffordern wollten?

Dann fällt mir ein Slogan der Demonstranten ein, den wir in unserer reformbewegten Woche an fast jedem Tag gehört hatten. Eine unterschwellige Drohung an die Machthaber, vor allem aber ein trotziges Bekenntnis zu einem Land, das gegen jede Wahrscheinlichkeit von seinen Bürgern erst erkämpft werden musste und wenig später trotzdem seltsam kampflos wieder aufgegeben wurde.

Er lautete: «Wir bleiben hier!»

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Tourist auf der Straße der Hoffnung:
The #NordicFilmDays Tweets

Mit »Vonarstræti« (»Life In A Fishbowl«/»Straße der Hoffnung«) und »Turist« (»Force Majeure«/»Höhere Gewalt«) hatten die 56. Nordischen Filmtage Lübeck in diesem Jahr zwei filmische Höhepunkte im Programm, die mich nachhaltig beeindruckt haben. Während die schwedische Produktion »Turist« bei der Preisverleihung leer ausging, wurde der isländische Film »Vonarstræti« mit dem Hauptpreis des Festivals ausgezeichnet.

Seit 2003 bin ich regelmäßig auf den Nordischen Filmtagen und bloggte zunächst mal mehr, mal weniger darüber; seit 2010 twittere ich zunehmend über die geschauten Filme und verstopfe somit einmal jährlich fünf Tage lang notorisch die Timelines meiner leidgeprüften FollowerInnen. Sieben Screenings habe ich in diesem Jahr geschafft, das ist eine eher mittelambitionierte Ausbeute; drei weitere Filme sowie eine finnische Mini-Serie habe ich verpasst oder geschwänzt. Außerdem muss man sich auch noch um die Parties kümmern; die Büffets essen sich schließlich nicht von selbst weg.

Es fiel mir schon immer schwerer, über Filme zu schreiben als über irgendetwas sonst; keine Ahnung warum. Aber Gedanken über Filme schnell und aus dem Handgelenk in eine 140-Zeichen-Form zu pressen ist eine schöne Fingerübung. Falls Sie auf Twitter noch nicht genug davon bekommen haben oder gar Twitter kokett die kalte Schulter zeigen, lesen Sie nun meine editierten und in chronologische Reihenfolge gebrachten #NordicFilmDays-Tweets. Zwei, drei Tweets, die mein Mobilfunk-Provider irgendwo verschluckt hat, finden Sie hier jetzt sogar exklusiv.

#NordicFilmDays: Erster Tag

Heute beginnen die Nordischen Filmtage Lübeck. Fünf Tage im Jahr, in denen ich immer ungefähr 20 Follower verliere...

Ich finde ja immer noch, dass #NordicFilmDays für einen Hashtag zu lang ist

Darf man eigentlich zu den #NordicFilmDays fahren und dann die Deutschland-Premiere des neuen Roy-Andersson-Films schwänzen? Darf man das?

Eröffnungsfilm: »1001 Gram« von Bent »Kitchen Stories« Hamer aus Norwegen.

Bent Hamers Filme sind in ihrer routinierten Skurrilität so harmlos, dass man ihnen grundsätzlich nie böse sein kann.

»1001 Gram« spielt im Mess-und Eichmilieu; leider weisen allerdings auch die Normcharaktere eine entsprechende Abweichungsaversität auf

»1001 Gram« erinnert in seiner Liebe zu Auto-Formen, seltsamen Prozessionen und exakter Wissenschaft an »Kitchen Stories«

»1001 Gram«: Ane Dahl Torp kann mittlerweile auch Nina-Hoss-Rollen spielen und spröden Charakteren unerwartete Tiefe geben

»1001 Gramm oder: Ein Kilo geht auf Reisen«. Eine schöne Idee leider etwas uninspiriert im Klischee versenkt.

Beim Eröffnungsempfang waren meine Fähigkeiten als Büffetfräse stark eingeschränkt, weil ich nur 1 Hand zur Verfügung habe


#NordicFilmDays: Zweiter Tag

Sie sagen, ich sei fest eingeplant zum Gintonic-Trinken aus der Thermoskanne, nachher auf dem Spielplatz. Oh je. Oh wei.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass sich meine Vorjahres-Kritik (»zu wenig Filme mit Schnee!«) leider niemand zu Herzen genommen hat.

Gleich auf dem Zettel: »PMR - In The State Of Limbo«, eine estnische Doku über das nach Anerkennung strebende Transnistrien

Der frühere Präsident von Transnistrien, Igor Smirnov, trägt Anzüge mit kurzen Ärmeln: http://t.co/COIlN1UMIv

»Blind« von Eskil Vogt: ein etwas zu selbstverliebtes Verwirrspiel aus Norwegen.

»Blind« zeigt die Phantasien einer erblindeten Frau, die jene Leerstelle ausfüllen, die ihr Sehvermögen hinterlassen hat.

»Blind«: Ein Vexierspiel aus mehreren Erzählebenen, bei dem man bald aufgibt, Fiktion und fiktive Phantasien zu entwirren.

»Blind«: schöne Bilder, interessiert sich aber letztlich mehr für die vertrackte Erzählkonstruktion als fürs Erzählen.

Beim Skandi-Empfang (und gestern bei der Eröffnungsparty) gabs Krombacher statt Carlsberg. Filmtage, quo vadis?!


#NordicFilmDays: Dritter Tag

Heute auf dem NFL-Programm: »Vonarstræti« (Island, gleich), »Lev stærkt« (Dänemark), »París Nordursins« (Island).

Roy Andersson werde ich schwänzen, ich bin langsam zu alt (aka spießig) für dieses sorgsam durchkomponierte Skurrilitäterä.

Schon Anderssons Titel ist Warnung genug: »Die hundertjährige Taube, die vom Ast sprang und sich noch einen Toast machte«

Movie Quote of the Day: »You're so serious, man! Like a German on a summer holiday.« (aus »Vonarstræti«, Island 2014)

»Vonarstræti« (»Life In A Fishbowl«) aus Island ist der beste Film, den ich in diesem Jahr bislang auf den #NordicFilmDays gesehen habe.

»Vonarstræti« zeigt, dass die Welt in Reykjavík auch vor Banken-Crash und Staatsbankrott schon nicht in Ordnung war.

Regisseur Baldvin Z verknüpft geschickt drei Geschichten, die sich in der Reykjavíker Hoffnungsstraße (»Vonarstræti«) überschneiden.

»Vonarstræti« hatte ich mir als eine Art Aku Louhimies für Reykjavik vorgestellt, aber ganz so düster wurde es dann doch nicht.

Spoiler Alert! In »Vonarstræti« ist der Bank-Manager mit dem unschuldigen Lächeln am Ende nicht der Gute. Omelette surprise!

Sehr schön in »Vonarstræti« ist übrigens auch die (dankenswerterweise dezent eingesetzte) Filmmusik von Olafur Arnalds.

»Lev stærkt« (»Im roten Bereich«, DK) verpasst, weil Kinos verwechselt. War nie gut mit Zahlen. Und dabei ist erst Freitag.

Stattdessen wäre ich versehentlich fast ein zweites Mal in »Blind« gegangen. Muss man auch nicht unbedingt machen.

Auf »París Norðursins« freue ich mich wegen der exzellenten Filmmusik von Prins Póló, zu der ich noch nicht die Bilder kenne

Den Titelsong »París Norðursins« von Prins Póló gibts übrigens bei den Kollegen von @rvkgrapevine: http://grapevine.is/culture/music/2014/08/15/track-of-the-issue-prins-polos-paris-nordursins/

»París Norðursins« (»Paris des Nordens«): Vater und Sohn, jeder mit seinen eigenen Alkoholproblemen, bauen eine Veranda…

... das war laut Autor Huldar Breidfjörd die einzige Vorgabe, die er von Regisseur Hafstein Gunnar Sigurdsson für das Buch bekommen hat.

»París Norðursins«: Lakonisches End-of-the-Road-Movie am Fuße des Þorfinnur-Bergs auf der isländischen Westfjord-Halbinsel.

»París Norðursins«: Eine Geschichte über Einsamkeit und Sprachlosigkeit an der Spitze des längsten Haares am Arsch der Welt.

»París Norðursins« erzählt eine eher konventionelle Geschichte sehr stimmungsvoll und ohne unnötige Worte.

»París Norðursins« definiert zudem das »anonym« in Anonyme Alkoholiker radikal neu.

Sehr geil übrigens von den #NordicFilmDays, Prins Póló als Live Act für heute abend einzufliegen!

(Prins Póló ist Svavar Pétur Eysteinsson. Seine Zweitband Skakkamanage finde ich übrigens noch besser.)

#NordicFilmDays-Party im treibsAND: Prins Póló (IS) eher versponnen-verhalten, Fuck Art, Let's Dance (HH) rockten und groovten wie die Sau.


#NordicFilmDays: Vierter Tag

Programm für heute: »Itsi Bitsi« (DK), »Turist« (SE), »Kraftidioten« (NO), dann Filmpreisnacht (HL)

Kein skandinavischer Film ist übrigens so hoffnungslos wie meine ungelenken Versuche, mit nur einer Hand mein Haargel zu applizieren.

»Itsi Bitsi«: Ole Christian Madsen (»Nordkraft«, »Prag«) erzählt die Geschichte von Eik Skaløe, Kopf der dänischen Rockband Steppeulvene

»Itsi Bitsi« ist ein psychedelischer Kostümfilm über die 60er Jahre: Hippies, Drogen, Roggenrohl, die freie und unfreie Liebe

»Itsi Bitsi« zeigt, dass die jungen Leut früher mehr herumkamen, ist allerdings kein Film, den wir noch nie gesehen hätten.

»Itsi Bitsi«-Funfact: Steppeulvene (Steppenwölfe) waren die erste Rockband, die eine (und nur 1) Platte mit dänischen Texten veröffentlichte.

Ich klage oft über zu wenig Filme mit Schnee, aber »Turist« hat genug davon, um alle anderen Filme darunter zu begraben.

»Turist« (Schweden): Ein Ehedrama über Versagen und was wir dafür halten, über Scham und Verdrängung, Reden und Schweigen.

»Turist« schafft eine Beklemmung, die dich mit Wucht in die Magengrube trifft, selbst in den komischen Momenten.

In »Turist« sieht man keinen Markennamen, kein Logo, keine Werbung. Hotel und Skigebiet wirken klinisch wie ein Reinraum...

... eine nahezu laborhafte Versuchsanordnung für ein Kammerspiel, das penibel die Belastungsgrenzen einer Familie austestet.

Regisseur Ruben Östlund sagt, er wollte mit »Turist« (1.) die gewaltigste Lawinenszene der Filmgeschichte schaffen und...

... (2.) erreichen, dass möglichst viele Paare das Kino nach dem Film in verschiedene Richtungen verlassen.

Neben »Vonarstræti« ist »Turist« mein zweiter großer Favorit dieser #NordicFilmDays, ein schneebedeckter, respekteinflößender Gipfel.

Gangsterkomödie »Kraftidioten« geschwänzt. Mut zur Lücke. Und überhaupt: Was soll nach »Turist« noch kommen?

Filmpreisnacht. Zum ersten Mal mit Nicolas Winding Refn verwechselt worden. My new face works fine!


#NordicFilmDays: Fünfter Tag

Lübecks Kirchenglocken läuten, als würde ein Mob volltrunkener Schlägertypen von allen Seiten auf Dich einprügeln und -treten.

Ach Lübeck, Du Zuflucht des Schrullenkinos, jedes Jahr schreibe ich hier »skurril« falsch, ich weiß doch auch nicht, warum.

Hätte gern noch »Brev til kongen« gesehen. Von Hisham Zamans Debütkurzfilm »Bawke« (2005) hab ich immer noch 1 Kloß im Hals.

Die #NordicFilmDays 2014 sind für mich vorbei. Den Kutter-Filmpreis für den besten Film teilen sich »Vonarstræti« und »Turist«.

Beste Filmmusik: »París Norðursins«. Beste Lawinendarstellung: »Turist«. Beste Herrenbekleidung: »PMR - State of Limbo«

Schlechteste Sexszene: »Blind«. Beste Masturbationsszene: »Blind«. (Sagt übrigens einiges über den Film aus.)

Wir sehen uns wieder bei den 57. Nordischen Filmtagen 2015. Ich verstopfe Ihre Timeline nicht weiter. Herzlich, Ihr Nicolas Winding Refn


Mehr Informationen über die gesehenen Filme: »1001 Gram« | »PMR - In The State Of Limbo« | »Blind« | »Vonarstræti« | »París Norðursins« | »Itsi Bitsi« | »Turist« (»Force Majeure«)

* * *
FLASHBACK!
DIE NORDISCHEN FILMTAGE AUF DEM KUTTER:


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Wie ich Frank Schirrmacher nicht kennenlernte

Im Mai 2003 erhielt ich die erste Mail von einer etwas rätselhaft klingenden Absenderadresse. Ein Dr. Frank Schirrmacher gab sich darin als regelmäßiger Leser dieses Weblogs aus und fragte an, ob die FAZ wohl eine Idee aus dem »Kutter« übernehmen könne. Zugleich gab er mir noch einen leichten Klaps auf den Hinterkopf für einige belanglose und eher bemühte Scherze, die ich einige Zeit davor auf seine Kosten geschrieben hatte. Das Beunruhigende daran war, dass das einzig Witzige an diesen Scherzen seine Reaktion darauf war.

Er meldete sich danach über die Jahre hinweg immer wieder mal, meist nachts und von irgendwo unterwegs, und lobte dieses und jenes. Der Mann schien viel zu reisen und das nicht ohne Blackberry. Es waren spontane kurze Nachrichten, mit deren freundlich-fröhlichem Überschwang ich als protestantisch-nordischer Sturschädel oft nicht so recht umzugehen wusste. Ich kannte den Mann doch gar nicht! Einige Formulierungen waren so over the top, dass ich mich manchmal fragte, ob ich hier womöglich auf den Arm genommen würde. Mit seiner Begeisterung ging er jedenfalls nicht zimperlich um. Damit musste man erstmal klarkommen.

Gelegentlich fanden kleine Spielereien aus meinem Blog ihren Weg in seine Zeitung, zum Beispiel die »Kritische Meteorologie«. Mich machte das stolz. Nicht so sehr wegen des Abdrucks selbst; ich hatte auch vorher schon hier und da mein Zeugs veröffentlicht, und das Blog hatte keinerlei journalistische oder feuilletonistische Ambitionen. Sondern stolz vor allem wegen Schirrmachers unwiderstehlicher Art  (um nicht zu sagen: Kunst) der Anfrage ― obwohl schon auch erkennbar war, dass Schirrmacher sehr genau wusste, wie man jemanden stolz macht. Seine Kolleginnen und Kollegen beschreiben ihn in ihren Nachrufen in der heutigen FAS unter anderem als ein Genie der Ermunterung und Ermutigung.

Wer weiß, wie wichtig mir dieses Blog einmal war, versteht vielleicht, warum ich das ― womöglich etwas wichtigtuerisch erscheinende ― Bedürfnis habe, an dieser mittlerweile eher privaten Stelle ein paar Zeilen zu Schirrmachers Tod zu hinterlassen. Mit einem bisweilen unheimlichen Timing kamen einige seiner unverhofften enthusiastischen Mails in solchen Phasen bei mir an, in denen ich kurz davor stand, diesen Laden hier aus Frustration über dieses oder jenes einfach dicht zu machen. Wie auch immer man zu ihm stand: Es war unmöglich, von Schirrmacher gelangweilt zu sein.Weblog-Ekel, die Älteren werden sich erinnern. Mit seinem späteren Vorschlag, ein FAZ-Blog zu schreiben, wurde ich daher auch nicht richtig warm.

Abgesehen von einem längeren Text in »Bilder und Zeiten« kam es zu den verschiedenen Formen der freien Mitarbeit, die Schirrmacher anregte, letztlich nie, weil meine Erwerbssituation und Arbeitsbelastung das nicht zuließen (so sah ich das jedenfalls) und weil es mir an Entschlossenheit fehlte, an diesen Umständen etwas zu ändern. Aus den gleichen Gründen schlief dann auch dieses Blog mehr und mehr ein ― und zugleich auch der Kontakt. Ich hatte Schirrmachers Komplimenten nichts mehr entgegenzusetzen, was diese gerechtfertigt hätte. Zu einem Treffen, das wir uns einmal vorgenommen hatten, kam es ― wie so oft bei Internetbekanntschaften ― nicht mehr.

Nach dem Snowden-Schock hatte ich mir überlegt, mal wieder von mir hören zu lassen, vielleicht ein Aufsehen erregendes Traktat über die Freiheit als notwendige Voraussetzung von Überwachung anzubieten. Private Unbill brachte mich von diesem Vorhaben wieder ab, aber es wäre lustig gewesen: Ein Running Gag unserer ersten Mails war, dass ich anhand von IP-Adressen Schirrmachers jeweiligen Standort lokalisieren konnte. (Meist nicht erfolgreich: Einmal vermutete ich ihn in einem US-Krankenhaus, während er auf Mauritius war. Der NSA wird dies heute besser gelingen.)

In diesen Tagen kann man viele Nachrufe lesen, in denen ausführlich Schirrmachers Bedeutung für den Journalismus und die Gesellschaft gewürdigt wird. Mein Lieblingstext von ihm ist kein alarmistisches Epochenbild, sondern die unglaublich elegant gebaute, erst witzige, dann berührende Besprechung der Verfilmung von Reich-Ranickis »Mein Leben«, die einen Bogen von Schirrmachers Büro über Google Earth bis zu Czesław Miłosz und dem Warschauer Getto schlägt. Das muss man erst mal können. Wie auch immer man zu Schirrmacher stand: Es war jedenfalls unmöglich, von ihm gelangweilt zu sein.

Manche Nachrufe auf Schirrmacher lesen sich wie Heiligsprechungen. Mir persönlich bleibt er weniger als Großfeuilletonist, Thesenmaschine, Debattenanzettler oder Ausnahmezustands-Apokalyptiker in Erinnerung, sondern als jemand, dem die Entdeckung abseitiger Adressen diebische Freude bereitete und dem seine Begeisterung auch für kleine Albernheiten nicht zu schade war.

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Lübeck, ich bin Dein

Im Jahr 2003 fuhr ich zum ersten Mal zu den Nordischen Filmtagen nach Lübeck, für einen Tag und zwei Filme. Im folgenden Jahr dann wieder. Und seitdem komme ich jedes Jahr von woher auch gerade immer für die volle Distanz von fünf Tagen angereist, um Filme zu sehen und reiheweise Drinks zu nehmen, und das nicht unbedingt immer in dieser Reihenfolge. Auf Filmfestivals kann man einige der trinkfestesten Menschen kennenlernen, und dann verabredet man sich fürs nächste Jahr wieder.

Von 2003 bis 2009 bloggte ich mal mehr, mal weniger intensiv über diese Ausflüge, im Jahr 2010 bin ich dann aufs Filmtage-Twittern umgestiegen. Damals war ich der einzige Twitterer auf weiter Flur, nicht einmal die Filmtage selbst hatten einen Account. Das hatte etwas seltsam autoerotisches, und es hat sich mittlerweile geändert, glücklicherweise.

Nordische Filmtage Lübeck 2013 in 77x140 Zeichen

Lesen Sie hier in nahezu chronologischer Reihenfolge meine gesammelten diesjährigen NFL-Tweets, die ich streckenweise wie mit einem Laubbläser rausgepustet habe (was manchen Follower verweht hat...):

Würde ich in Lübeck leben, würde ich jeden Abend den Hawaii-Toast bei Bei Ulla verzehren.

Es hilft alles nichts, sie zwingen mich heute abend dazu, einen isländischen Pferdefilm zu sehen. #NordicFilmDays

Eröffnungsfilm: "Hross í oss" aus Island. Pferde, Menschen, Landschaften (und ein Kutter) in verschiedenen Konstellationen. #NordicFilmDays

"Hross": Der Film ist erzählerisch eher spröde, bringt aber das Kunststück fertig, ein unsentimentaler Pferdefilm zu sein. #NordicFilmDays

meine Begleiterin zu "Hross": "Man sieht, dass der Isländer zum Islandpferd steht wie der Holländer zum Hollandrad." #NordicFilmDays

"Hross": Regisseur Benedikt Erlingsson wollte einen Feel-good-Film drehen. Für isländische Verhältnisse ist das gelungen. #NordicFilmDays

Der Eröffnungsempfang ist diesmal im Dom. Keine Gewaltexzesse mehr am Buffet. Peace! #NordicFilmDays

Den halben Tag im Kinofoyer gesessen und in einem Rutsch Leander Haußmanns "Buh" gelesen.

Bei keiner kulturellen Sause, die ich kenne, ist der Anteil der Funktionskleidungsträger so hoch wie bei den #NordicFilmDays.

Mein gestriger Festivaltag stand ganz im Zeichen des Öls. Des Erdöls, um allen Missverständnissen vorzubeugen. #NordicFilmDays

"Pionér" von Erik Skjoldbjærg ist ein Verschwörungsthriller um die erste norwegische Erdöl-Hochseepipeline. #NordicFilmDays

"Pionér": Pipelines wie diese machten in 80ern die eher arme Fischfangnation Norwegen zum wohlhabendsten Land der Welt. #NordicFilmDays

"Pionér": Die Geschichte ist an wahre Ereignisse angelehnt. Ich habe noch nie so großartige Unterwasser-Szenen gesehen. #NordicFilmDays

"Pionér": Taucher riskieren ihr Leben bei diesem Projekt und werden Spielball politisch-wirtschaftlicher Verstrickungen. #NordicFilmDays

"Pionér": Eine klassische Thrillerhandlung um den Kampf eines Einzelnen für die Wahrheit, exzellent in Szene gesetzt. #NordicFilmDays

Ich mag Skjoldbjærg sehr für "Insomnia" und seine Ibsen-Adaption "En Folkefiende". "Pionér" ist packend und dicht erzählt. #NordicFilmDays

Der zweite Öl-Film des gestrigen Tages war der dänische Thriller "Skytten" von Annette K. Olesen. #NordicFilmDays

In "Skytten" ("Der Scharfschütze") geht es um die Erschließung eines grönländischen Ölvorkommens durch die Dänen. #NordicFilmDays

"Skytten": Journalistin (Trine Dyrhom) deckt politische Verwicklungen auf, gleichzeitig tritt ein "Ökoterrorist" auf. #NordicFilmDays

Leider verirrt sich "Skytten" etwas zwischen Investigativer-Journalismus-Thriller und Attentatverhinderungs-Suspense. #NordicFilmDays

"Skytten" wirkt daher leider etwas unentschlossen, obwohl Kim Bodnia als still entschlossener Normalo-Attentäter überzeugt. #NordicFilmDays

Man sieht "Skytten" an, dass Olesen auch einige "Borgen"-Folgen inszeniert bzw. produziert hat (nicht zuletzt am Cast). #NordicFilmDays

"Skytten": Das Politik-Medien-Wechselspiel ist sehr "Borgen"-inspiriert. Auch ähnlich simplifiziert und glatt. #NordicFilmDays

Von "Skytten"-Regisseurin Annete K. Olesen ist übrigens auch das hervorragende Sozialdrama "1:1" (lief bei den #NordicFilmDays 2006).

"Pionér" geht mehr in die Tiefe (klar, Taucherfilm...), "Skytten" bleibt eher an der Oberfläche, auch bei den Figuren. #NordicFilmDays

Ich mag Politthriller. Ich bin halt ein leicht zufriedenzustellender Mensch. Besonders nach dem Pferdefilm vom Mittwoch. #NordicFilmDays

Die fortschreitende Mainstreamisierung meines Filmgeschmacks mit ansehen zu müssen (und die dazugehörigen Filme erst!), ist kein Vergnügen.

Im Pferdefilm sterben übrigens zwei Pferde und zwei Menschen. Raten Sie, was bei einigen Zuschauerinnen auf Kritik stießt. #NordicFilmDays

Heute morgen um 9:45 dann: "The Act of Killing" - der 160minütige Director's Cut, gleich nach dem Frühstück. #NordicFilmDays

"The Act of Killing": Ich war nach dem ganzen Besprechungshype überrascht, wie ruhig und präzise dieser Film erzählt. #NordicFilmDays

"The Act...": Ich hatte mehr Effekthascherei befüchtet, doch die Reenactment-Szenen ordnen sich ganz der Erzählung unter. #NordicFilmDays

"The Act...": In verstörender Offenheit erzählen die Täter von ihren Taten, die Montage des Materials ist meisterhaft. #NordicFilmDays

In "The Act..." geht es darum, Zeugnis abzulegen, auf ganz verschiedene Weisen, auf ganz verschiedenen Ebenen. #NordicFilmDays

"The Act..." ist ein in jeder Hinsicht unwahrscheinliches Projekt, Oppenheimer eine beeindruckend auftretende Person #NordicFilmDays

"The Act..."-Regisseur Joshua Oppenheimer erzählte hinterher von der fast zehnjährigen (Vor-) Arbeit und ihrer Wirkung. #NordicFilmDays

Was ich mir noch vorgenommen habe: "Jeg är din" (NOR), "Vi är best" (SVE), "Nordvest" (DK). Und dann muss auch mal gut sein #NordicFilmDays

Im Zuge meiner neuen Reisen-mit-leichtem-Gepäck-Politik keine Hautpflegeprodukte mitgenommen. Nach drei Tagen sehe ich verheerend aus.

Diese chronisch lebensfrohen "Stadteilzentrum Gute Aussicht"-Rhythmen, die im Frühstücksraum des Hotels aus den Boxen suppen, machen mich wa

Frühmorgens, wenn man noch wehrlos ist

Drinnen Ritmo, draußen Regen.

"Jeg er din": Ein sehr starker norwegischer Film über Verzweiflung und das Alleinsein inmitten der anderen #NordicFilmDays

"Jeg er din" erzählt von einer jungen Frau, die Liebe sucht und Halt, aber letztlich immer nur Zurückweisung findet #NordicFilmDays

"Jeg är din" heißt "Ich bin dein". Das ist das Problem von Mina (Amrita Acharia): Sie sucht sich selbst immer in den anderen #NordicFilmDays

"Jeg er din": Familie, Beziehungen, Mutterschaft - Mina sucht eine Rolle für sich und bleibt doch immer außen vor. #NordicFilmDays

"Jeg er din" ist ein leiser, bewegender Film, klar und präzise erzählt und inszeniert von Iram Haq. #NordicFilmDays @iramhaq

"Jeg er din" setzt ganz auf die Zeichnung der Charaktere und ihrer Sehnsüchte, Enttäuschungen, Verlorenheit. #NordicFilmDays

Mich fasziniert und beängstigt immer wieder, auf welch hohem Niveau oft bereits die Debütfilme aus Skandinavien sind. #NordicFilmDays

Meine Begleiterin schreibt mir gerade: "Arne Feldhusen sieht aus wie Nick Brody". War er letzte Woche wohl noch in Caracas? #NordicFilmDays

Warum ist der skandinavische Film eigentlich (oft) so wenig Dialog-hörig? Weil man hier im Norden eh weniger Worte macht? #NordicFilmDays

Der skandinavische Film bebildert nicht alles erklärende Dialoge, sondert hat eine hohe filmsprachliche Intelligenz. #NordicFilmDays

"I lissens time" (Stunde des Luchses): routiniert-emotionales, von Rückblenden zerteiltes Psychiatrie-Kammerspiel aus DK #NordicFilmDays

"I lissens time": von #NordicFilmDays-"Hausregisseur" Søren Kragh-Jacobsen inszenierte Adaption eines Theaterstücks von Per Olov Enquist.

"I lissens time" ist übrigens der erste Film mit Schnee (jedenfalls ein bisschen), den ich hier dieses Jahr gesehen habe. #NordicFilmDays

Ich will mehr Schnee-Filme! #NordicFilmDays

Ha! Nordische Filmtage werben mit meinem Gesicht! #NordicFilmDays pic.twitter.com/ivxn7YFMJV

Meist gewinnt hier immer ein Film den Hauptpreis, den ich nicht gesehen habe. Diesmal habe ich das Gefühl, dass es anders ist #NordicFilmDays

"Vi är bäst": Ein lustiger, schneller, schwedischer Teenage-Girls-Form-Punk-Band-Film mit Herz von Lukas Moodysson #NordicFilmDays

Ich bin kein Fan von Moodysson und immer noch schwer genervt von seinem Plattenbau-Porno-Plärrer "Ett håll i mitt hjärta" #NordicFilmDays

"Vi är bäst" hat aber schöne Jugendzentrums-Probenraum-Szenen, die mir sehr vertraut vorkommen #NordicFilmDays

"Vi är bäst": Ich liebe den Refrain "Hata Västerås" (hasse Västerås), mit dem Kaff hab ich nämlich auch so meine Erfahrungen #NordicFilmDays

"Vi är bäst": Und wie könnte man wohl eine Band, deren erstes Lied gleich ein Anti-Sportunterrichts-Song ist, nicht lieben? #NordicFilmDays

"Vi är bäst" kann man auch deshalb empfehlen, weil es einige schwedische Punk-Klassiker von Ebba Grön und KSMB zu hören gibt #NordicFilmDays

So. Filmpreisnacht lasse ich sausen, eventuell heute abend noch "Nordvest" von Michael Noer ("R"). Und dann ist mal gut. #NordicFilmDays

Wenn ich Preise zu vergeben hätte: "Jeg er din" (bester Film), "Pionér" (beste Unterwasserszenen), "Vi är bäst"(Soundtrack) #NordicFilmDays

weitere Preise für: "Der Luchs der Stunde" für die meisten Flashbacks, "Skytten" für die meisten "Borgen"-Stars #NordicFilmDays

Jetzt mal ohne Quatsch: "Jeg er din" (Spielfilm) und "The Act of Killing" (Doku) fand ich wirklich außergewöhnlich gut. #NordicFilmDays

Und die Gewinner sind: www.luebeck.de … #NordicFilmDays

Congratulations @iramhaq!

Außer dem Eröffnungsempfang habe ich diesmal alle Parties und Empfänge ausgelassen. Meine protestantische Erziehung holt mich endlich ein.

Die gefürchtete Buffetfräse, der passionierte Freibierschwenker und Gintonicstocherer ist von uns gegangen.

Zuguterletzt zum letzten Film von gestern Nacht: "Nordvest" von Michael Noer (Dänemark) #NordicFilmDays

"Nordvest": um zwei junge Brüder, die sich mit kleinen Einbrüchen über Wasser halten, eskaliert eine Gang-Auseinandersetzung #NordicFilmDays

"Nordvest" spielt im gleichnamigen Kopenhagener Problemviertel, ohne ihn jedoch in den Mittelpunkt zu rücken #NordicFilmDays

"Nordvest" ist direkt, schroff, unsentimental, die Charaktere sind aber leider auch recht konventionell gestrickt #NordicFilmDays

"Nordvest" teilt sich den diesjährigen NDR-Filmpreis mit "Jeg er din", fällt dagegen aber doch etwas ab. #NordicFilmDays

Und damit beenden wir die diesjährige Filmtage-Berichterstattung. Sie können aufatmen: 360 Tage lang kein NFL-Spam mehr in Ihrer Timeline!

Tag 1 nach den Nordischen Filmtagen, Tag 10 vor Helsinki: in dieses Zeitfenster habe ich den Ausbruch meiner Erkältung geplant.

* * *

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Follow me

Folgen Sie Dichtheit & Wahrung auf Twitter: @derkutter

Als ich vor über zehn Jahren anfing, hier zu bloggen, hatte ich keine Ahnung, was für eine zentrale Rolle dieses Blog in meinem Leben einmal spielen würde. Als das Schreiben für dieses Blog dann ein ganz wesentlicher Teil meines Lebens war, konnte ich mir kaum vorstellen, dass dieses Blog jemals wieder einschlafen könnte, so lange ich nur irgendwie wach und am Leben wäre.

Und doch ist es irgendwann eingeschlafen. Zwischendurch wacht es immer wieder mal kurz auf, sagt ein paar weise Dinge und nickt dann wieder ein. So ist das. Die Gründe dafür sind unspektakulär.

Wenn Sie meinen weisen Worten weiter folgen wollen, dann folgen Sie mir am besten auf Twitter. Dort bin ich derzeit eher zuhause. Mit der dort vorherrschenden 140-Zeichen-Kurzatmigkeit kam ich anfangs überhaupt nicht zurecht, aber mittlerweile merke ich, dass mir das gut tut. Manchmal bin ich da sogar fast wieder so gut in Form wie zu den besten Zeiten dieses Blogs (die leider auch schon eine ganze Weile zurückliegen). Und wann immer dieses Blog mal kurz aufwachen und etwas von sich geben sollte, erfahren Sie es selbstverständlich auch auf Twitter.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich niemals wieder bloggen werde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es mich irgendwann wieder packt. Vielleicht dann wieder hier oder ganz woanders, aber wahrscheinlich eher hier, denn Antville ist meine Heimat, hier wurde ich geboren und hier werde ich dereinst begraben. Und wann immer es wieder losgeht: auf Twitter erfahren Sie es zuerst.

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Die Erben, revisited

Politische Erben, die im Verlauf einer Legislaturperiode in das Amt des Ministerpräsidenten rutschen, haben bei der nächsten Wahl oft mit einer Art "Amtsmalus" zu kämpfen, schrieb ich letztes Jahr im März und sagte deshalb u.a. dem niedersächsischen Wulff-Erben David McAllister einige Probleme beim Amtserhalt voraus. Nach der gestrigen Landtagswahl scheint sich diese Einschätzung nun bestätigt zu haben. Allerdings scheint sie das nur. Denn nicht nur haben zwischenzeitlich mit Annegret Kramp-Karrenbauer und Erwin Sellering zwei andere Legislatur-Erben jeweils ihren ersten eigenen Wahlkampf gewonnen. Auch die niedersächsische CDU mit David McAllister als Spitzenkandidat ist bei der gestrigen Landtagswahl stärkste Kraft geworden. Dies zwar mit deutlichen Einbußen, aber wenn man bedenkt, dass vielen CDU-Anhängern die Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition offenbar so wichtig war, dass sie McAllisters wenig subtilen Signalen gefolgt sind und die FDP in den Landtag gehievt haben, spricht das nicht gerade für einen Mangel an Autorität des Ministerpräsidenten im eigenen Lager. McAllister hat es als Machterbe in seiner vergleichsweise kurzen Amtszeit zu beachtlicher Popularität im Land gebracht und hätte ohne FDP-Leihstimmen ein Ergebnis von über 40 Prozent für seine Partei einfahren können. Dass das nicht so kam und dass es für sein Lager letztlich nicht zur Mehrheit gereicht hat, hat verschiedene Gründe, eine Bestätigung meiner Erben-These kann man daraus aber nur bedingt ableiten. Nach den Wahlen im Saarland, in Mecklenburg-Vorpommern und nun in Niedersachsen motte ich die schöne Theorie deshalb erst einmal ein ― und warte die Performance von Volker Bouffier in Hessen und Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz ab...

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Naheliegendes zum hannoverschen Nahverkehr

Ob die beinahe schon beängstigende Präzision des Taktverkehrs, in dessen Rhythmus die U-Bahnzüge verschiedener Linien des hannoverschen öffentlichen Personennahverkehrs synchronschwimmerinnenartig nahezu zeitgleich in eine Zentralstation mit Mittelbahnsteig wie „Aegidientorplatz“ hinein- und wieder hinausgleiten und so den gleichwohl mürrischen Fahrgästen ein nahezu verspätungs- und wartezeitenfreies Umsteigen gewährleisten, letztlich nur in einer Gesellschaft denk- und organisierbar ist, die die Erfahrung einer brutalen faschistischen Gleichschaltungsdiktatur durchlaufen hat?

Ich denke ja.

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Eher zäh als knapp:
Zum Ausgang der
US-Präsidentschaftswahlen

Bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen sind die Stimmen in 50 von 51 Staaten1 bereits so weit ausgezählt, dass jeweils ein Sieger feststeht. Diese 50 Staaten habe ich in meiner Wahlprognose allesamt richtig prognostiziert. "50 out of 50 ain't bad", könnte man sagen - aber ein wichtiger Punkt ist noch offen.

In meiner Prognose hatte ich zwei Szenarien für den wahrscheinlichsten Wahlausgang erklärt, die von einer Ausnahme abgesehen identisch sind. Diese Ausnahme war der Staat Florida. Das ist jetzt auch genau der Staat, in dem der Wahlausgang offiziell noch immer offen ist. In meinem "konservativen" Szenario fällt Florida an Romney, der Wahlausgang beträgt dann 303:235 Electoral Votes für Obama. Im "aggressiveren" Szenario verteidigt Obama Florida. Dann beträgt der Wahlausgang 332:206 Electoral Votes für Obama. Genau zwischen diesen beiden von mir in Aussicht gestellten Szenarien hängt derzeit auch der tatsächliche finale Wahlausgang in der Schwebe, so lange in Miami-Dade County nach teilweise chaotischen Wahlbedingungen noch gezählt wird.

Wie steht's denn jetzt in Florida?

Eine Entscheidung zwischen diesen beiden Szenarien fiel mir im Vorfeld schwer, weil die Kandidaten in den floridanischen Umfragen auch bei verschiedenen Betrachtungsweisen zuletzt immer gleichauf lagen. Einer Entscheidung auszuweichen und einfach "Toss-up" zu tippen, empfand ich allerdings als uncool. Aus einem Bauchgefühl heraus hatte ich mich deshalb schließlich für das konservative Szenario (303:235) entschieden, damit dann wieder gehadert, kurz mit einer Korrektur geliebäugelt, es dann aber schließlich dabei belassen.

Auch wenn es in Florida noch keinen offiziellen Sieger gibt, scheint aber mittlerweile klar zu sein, wohin die Reise geht. Der Staat ist praktisch ausgezählt, ein knapper Obama-Vorsprung ist seit etlichen Stunden stabil, Gründe für größere Wahlbeschwerden und Recounts gibt es eigentlich nicht, weil das Gesamtergebnis eh nicht mehr gedreht werden kann. Sollten Floridas Wahlmänner also an Obama gehen, wovon man derzeit ausgehen kann, hätte ich in diesem einen Fall aufs falsche Pferd gesetzt. "50 out of 51" wäre zwar immer noch eine ziemlich gute Quote - zumal die Kandidaten in Florida derzeit nur um rund 46.000 Stimmen oder einen halben Prozentpunkt auseinanderliegen. Aber natürlich wäre eine Punktlandung grandios gewesen.

Wie eng war denn nun das Kopf-an-Kopf-Rennen?

Wie auch immer der endgültige Wahlausgang aussehen wird: Der Abstand zwischen Obama und Romney beträgt mindestens 68, wahrscheinlich sogar 126 Wahlmännerstimmen. Das ist kein knappes Ergebnis, das ist auch kein Kopf-an-Kopf-Rennen. Diesem im Gegenteil sehr deutlichen Ergebnis liegen zwar mehrere knappe Rennen in den Einzelstaaten zugrunde, aber bei aller Knappheit waren die Mehrheiten dort über einen längeren Zeitraum durchgehend stabil. Das Ergebnis ist also nicht so überraschend, wie man es nach Zeitungslektüre und Fernsehkonsum in den letzten Wochen hätte vermuten können.

Deshalb möchte ich auch die Bedeutung einer "50 out of 51"-Trefferquote in der Prognose etwas relativieren: Bei diesen 50 richtig getippten Rennen war es nicht so irrsinnig schwierig, 49mal richtig zu liegen, wenn man rechnen kann, auf die heute öffentlich zugänglichen Umfrage- und Prognosedaten zugreift und sich die Mühe gibt, ein wenig in die Zahlen (und das Wahlrecht) einzusteigen. Arbeitsweisen, die im klassischen Journalismus allerdings weitgehend verpönt zu sein scheinen: Dort greift man sich lieber einfach die letzte US-weite Popular-Vote-Umfrage, die gerade über den Ticker kommt (Aktualitäts-Gebot!), ignoriert alle methodischen Besonderheiten der Umfrange sowie das Wahlsystem (Nerd-Kram!) und ruft auf dieser Grundlage einfach fröhlich-fahrlässig einen nationalen Trend aus (Relevanz-Gebot!). So entstehen dann Kopf-an-Kopf-Rennen. Genauso spielt man übrigens auch Fußball-Toto.

Spannend wurde es neben Florida eigentlich nur in Virginia (und für etwa ein halbes Stündchen originellerweise auch noch einmal in Ohio). In Virginia werden die Wahlergebnisse aus den traditionell demokratisch geprägten, bevölkerungsstarken nördlichen Wahlkreisen für gewöhnlich deutlich später gemeldet als die aus den republikanischn geprägten ländlichen Bezirken. Deshalb war klar, dass Romney hier lange in Führung liegen und die tatsächliche Entscheidung erst spät kommen würde. Dass Romney aber soo lange vorne liegen würde wie es gestern Abend der Fall war, hatte mich zwischendurch dann doch beunruhigt. Am Ende betrug der Vorsprung Obamas aber auch hier recht komfortable drei Prozentpunkte.

Beachtlich ist, dass es Obama gestern letztlich gelungen ist, seine historische Wahlmänner-Koalition, die er bei seinem Erdrutschsieg im Jahr 2008 geschmiedet hatte, weitgehend zusammenzuhalten. Nur zwei Staaten, die er vor vier Jahren erobern konnte, musste er in diesem Jahr wieder abgeben: Indiana und North Carolina (mit insgesamt 26 Electoral Votes, die hier auch entsprechend prognostiziert wurden2). Von einem "Denkzettel" also keine Spur.

Es war durchaus unterhaltsam, in der Wahlnacht die Entwicklungen in einzelnen Staaten wie Florida, Virginia, Ohio oder Colorado zu verfolgen und sich etwa von CNNs John King die einzelnen Wahlbezirke auf der Magic Wall erklären zu lassen - gerade weil die Ergebnisse in diesen Staaten lange auf sich warten ließen. Überraschungen gab es unterm Strich jedoch keine, und eine große Spannung, was den endgültigen Wahlausgang betrifft, kam ebenfalls zu keinem Zeitpunkt auf. Dass das Rennen ausgehen würde, wie man es erwarten durfte, zeichnete sich zudem bereits relativ früh ab, auch wenn offizielle Bestätigungen lange auf sich warten ließ. Es war eher ein zähes als ein enges Rennen mit einigen durchaus knappen, aber stabilen Mehrheiten. Ein Rennen ohne Ausreisser, ohne Sensationen - und wenn ich darauf noch einmal herumreiten darf: kein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Und wie steht's beim Popular Vote?

Auch beim Popular Vote liegt Obama mittlerweile mit 2,5 Millionen Stimmen oder rund zwei Prozentpunkten vor Romney. Dass das in der Wahlnacht zunächst lange Zeit anders aussah, war ebenfalls abzusehen. Diese Dynamik hat etwas mit den verschiedenen Zeitzonen, verschiedenen Öffnungszeiten von Wahllokalen und der geographischen Lage bestimmter "sicherer" Staaten zu tun. Aus dem gleichen Grund lag Romney in der Wahlnacht auch in der Wahlmänner-Zählung zunächst längere Zeit vorn, ohne dass das irgendeine Aussagekraft über den endgültigen Wahlausgang hatte.

Der Vorsprung Obamas beim Popular Vote dürfte sogar noch ganz leicht zunehmen, weil insbesondere an der Westküste, wo die Demokraten traditionell die Nase vorn haben, noch nicht alle Bezirke ausgezählt sind. Das Popular Vote-Ergebnis wird zwar sicherlich kein Erdrutschsieg mehr werden, aber es gibt Obama bereits jetzt die Legitimation, die Wahl nicht nur aufrund wahlrechtssystematischer Besonderheiten, sondern durch ein (knappes) Wählervotum gewonnen zu haben. Wer allerdings den Anspruch hatte oder hat, Aussagen über die Wahrscheinlichkeit bzw. nun über das Ausmaß des Wahlausgangs zu treffen, für den sind diese Zahlen allenfalls indirekt relevant.

Wie geht's weiter im gespaltenen Amerika?

Man sollte aus dem knappen Popular-Vote-Ergebnis auch nicht reflexhaft eine tiefe Spaltung der USA ableiten. Anders als die zuspitzungs- und erregungsfreudige Inszenierung der Medienwirklichklichkeit durch die von durchpartisanisierten Pundit-Panels geprägten Cable News-Sendern nahelegt, ist nicht jeder Romney-Wähler ein Obama-Hasser, und nicht jeder Obama-Anhänger ist ein Romney-Verächter. Solche Radikalisierungen gibt es zwar durchaus, aber die Mitte Amerikas tickt nicht wie das politische Washington.

Das bringt Obama allerdings wenig. Die Republikaner haben ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus verteidigt, die Demokraten die ihre im Senat. Für den Präsidenten werden die nächsten zwei Jahre also nicht schöner werden als es die letzten beiden Jahre waren. Auch wenn Amerika nicht so tief gespalten ist wie es den Anschein hat - der Kongress ist es durchaus. Anlass zur Hoffnung gibt hier allerdings der Umstand, dass die fundamentalistische Tea Party-Bewegung innerhalb der Republikaner bei den Kongresswahlen geschwächt wurde. Sollte dadurch ihr Einfluss innerhalb der Mehrheitsfraktion im Repräsentantenhaus schwinden, wäre wieder - trotz aller Gräben - ein etwas konstruktiverer Umgang zwischen den politischen Lagern denkbar.

Was haben wir aus dieser Wahlnacht gelernt?

IT'S THE DATA, STUPID! Es war richtig, im Vorfeld der Wahlnacht wie die Demokraten nüchtern auf "cold, hard data" (David Axelrod) zu setzen und sich vom Gerede der "Experten" und Pundits nicht verrückt machen zu lassen. Es lohnt sich, sich mit dem Wahlrecht und mit der Logik und Qualität von Umfragen zu beschäftigen. Es ist sinnvoll, sich ein Bild davon zu machen, welche Daten einem helfen, die Wahl und ihren Ausgang zu verstehen - und welche nicht. Das gilt auch und insbesondere für Menschen, die sich aufgrund ihres Berufsbilds eigentlich nicht als Zahlenknechte, sondern als Männer und Frauen des Wortes verstehen.

HOPE BY NUMBERS: Wir haben in dieser Wahl so deutlich wie vielleicht nie zuvor gesehen, dass Wahlkampf heute nicht mehr nur bedeutet, die Interpretationshoheit über Themen und politische Gegner zu erlangen, sondern auch über die Prognosen. Wer heute im Wahlkampf ein Hoffnungsträger sein will, muss diesen Anspruch mit Daten unterfüttern können. Als die Datenlage einen klaren und konsistenten Trend zugunsten Obamas ergab, beklagten die Republikaner und viele konservative Websites eine angeblich "liberal Verzerrung" der Umfrage- und Prognosemodelle und entwarfen ein Paralleluniversium, in dem sie sich sogar eine Chance in Pennsylvania ausrechneten. Das hat zwar viele professionelle Beobachter wunschgemäß verunsichert, aber in der Wahlnacht erwies sich die Mär vom "liberal bias" der Daten als Pfeifen im Walde - und wohl auch als Selbstbetrug, der manche strategische Entscheidung im Nachhinein als zweifelhaft erscheinen lässt.

GET OUT THE VOTE! Obamas Wahlsieg ist das Ergebnis eines präzisen, planvollen, datengestützten Mobilisierungsprozesses. Mit einer intelligenten, zielgerichteten Allokation der finanziellen und personellen Kampagnen-Ressourcen konnte deshalb die "Firewall" in allen entscheidenen Swing States kontinuierlich aufrecht erhalten werden. Wahlkampf ist damit heute deutlich mehr als das Buchen von Werbezeiten im Fernsehmärkten. Wie erfolgreiche Kampagnen heute ihre "Get-out-the-vote"-Bemühungen steuern, ist aber ein Thema für sich.

PINCH AND DRAG: Öffentlich-rechtliche Fernsehmacher konnten in dieser Wahlnacht wieder einmal lernen, wie man Touchscreen-Wände im Wahlstudio nicht nur als modisches Gimmick, sondern auch als mächtiges Instrument zum Verständnis der politischen Prozesse einsetzen kann. Stattdessen wird sich aber vermutlich in den Redaktionen die Erkenntnis durchsetzen, dass man eine solche Analysetiefe einem deutschen Gebührenzahler leider nicht zumuten kann. Allerdings ist das US-Wahlsystem auch deutlich komplexer als das hiesige und braucht deshalb andere Vermittlungsformen.

Man muss das amerikanische Wahlsystem nicht mögen, und man kann die Parteien und Politiker, die sich in USA zur Wahl stellen, ablehnen. Dass in jedem Wahlkampf neue Rekordsummen an Spendengeldern verbrannt werden und aufwendiges Data-Mining betrieben wird, sind bedenkliche Entwicklungen. Mir fällt es aber dennoch schwer, dem aufgeregten Pathos, mit dem die Amerikaner ihr durchaus verknöchertes, anachronistisches Wahlrecht pflegen und leben, nicht mit einer gewissen Rührung und Sympathie zu begegnen.

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1 Der sprachlichen Einfachheit halber zählen wir das District of Columbia zu den Staaten.

2 Interessanterweise sind dies auch exakt jene beiden Staaten, bei denen ich mich vor vier Jahren geirrt und diese für McCain getippt hatte.


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Die QTR Electoral Vote Prognose 2012

Dem US-Politikberater und demokratischen Wahlkampfmanager James Carville habe ich diese ganze US-Wahl-Obsession überhaupt nur zu verdanken. Und James Carville, der sonst nie um eine knackige Meinung oder Behauptung verlegen ist, hat jetzt seine Wahlprognose abgegeben. Er sieht Obama als Sieger, traut sich aber eine Prognose für Colorado, Iowa und Florida nicht zu.

Ich schon. Am Ende muss man sich halt entscheiden, auch auf die Gefahr hin, kräftig daneben zu langen. Wobei ich mich bei Florida auch besonders schwer tue. Gestern noch deuteten sich dort hauchdünne Vorteile für Romney an, heute könnte Obama ganz leicht vorne liegen - wenn man ehrlich ist, ist hier keine seriöse Prognose zu treffen. Man kann raten oder eine Münze werfen oder nach dem Bauchgefühl gehen. Aber wie Chicken James die Festlegung einfach zu verweigern ist uncool.

Hier ist deshalb QTR Electoral Vote Prediction für die US-Präsidentschaftswahlen 2012:

US-Wahlprognose 2012: Wieviele Wahlmänner gehen an Obama und Romney?

Ich habe meinem Gefühl nachgegeben und Florida an Romney gegeben. Damit sehe ich Obama bei 303 Electoral Votes in 25 Staaten sowie dem District of Columbia und Romney bei 235 EVs in ebenfalls 25 Staaten. Das bedeutet mithin einen Vorsprung von 68 Wahlmännern und damit nicht gerade ein knappes Ergebnis. Das wäre der von mir gewählte konservative Ansatz. In einem etwas aggressiveren Szenario könnte auch Florida an Obama fallen. Dann würde das Wahlmänner-Verhältnis 332 zu 206 und der Abstand 126 EVs betragen. Diese beiden Szenarien halte ich für die wahrscheinlichsten.

Aber auch Colorado sieht wahnsinnig knapp aus, New Hampshire und Iowa ebenfalls, und Karl Rove hält sogar Pennsylvania für ebenso eng wie Florida - aber das muss man wohl nicht so ernst nehmen. Die Romney-Kampagne hat viel in Pennsylvania investiert, scheint dort aber nicht wirklich vorangekommen zu sein - ähnliche wie Obamas Leute in Arizona.

Mit meiner Prognose bin ich aus zwei Gründen unglücklich: Zum einen fußt sie diesmal weitgehend auf den veröffentlichten Prognosen anderer und kaum auf eigenen Annahmen und Berechnungen. Das macht nur wenig Spaß. Es fühlt sich nicht an wie etwas eigenes. (Vor vier Jahren habe ich mit Notebook und Notizblock bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck im Kino gesessen und zwischen den Filmen gerechnet wie ein Teufel.)

Und das führt direkt zum zweiten Grund: Das Ergebnis ist wie befürchtet ziemlich unoriginell. Obama bei 303 EVs ist eine Prognose, die man derzeit an vielen Orten gratis nachgeschmissen bekommt. Ich habe deshalb kurz überlegt, Florida doch noch bei Obama einzusortieren und damit mutig voran zu schreiten. Aber irgendetwas in mir sträubt sich dagegen. (Das letzte Mal, als ich gegen mein Gefühl getippt habe, war beim Super Tuesday 2008, als ich Kalifornien an Obama gegeben habe. Hillary hat's dann gemacht. Diesmal bleibe ich lieber bei meinem Gefühl.)

Ein anständiges Ergebnis wäre, nicht mehr als zwei von 51 Staaten falsch vorhergesagt zu haben. (Also nicht schlechter als vor vier Jahren abzuschneiden.) Hoffen wir, dass es nicht eine allzu lange Nacht werden wird. Vieles spricht dafür allerdings nicht. Und am morgigen Mittwoch dürfen Sie dann schon herzlich über meine Annahmen und Vorhersagen lachen, während ich noch im Bett liege und ausschlafe. Na, ist das ein Deal?
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State-by-State-Prognose: QTR 2012 EV Spreadsheet (application/pdf, 58 KB)
Swing States-Auszug: QTR 2012 EV Watchlist (application/pdf, 44 KB)
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Der Kutter zur Wahl, live bei Twitter: https://twitter.com/derkutter

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Neues aus den Rasierklingenstaaten

Relativierende Anmerkungen zur US-Präsidentschaftswahl

Beim Fußball war ich nie besonders gut am Ball (lange Schlakse bewegen sich selten elegant). Also spielte ich an der rechten Außenlinie, wo ich mir den Ball weit vorlegen und mich dann darauf verlassen konnte, dass ich meistens schneller war als meine Gegenspieler. Ich stratzte also los, hängte den Gegner ab, erwischte den Ball kurz vor der Grundlinie und flakte ihn irgendwie rein. Niemand kann sich meine Genugtuung vorstellen, als ein Spieler namens David Odonkor 2006 plötzlich in den WM-Kader rückte. Ich fühlte mich im Nachhinein bestätigt und sah meinen als technisch limitiert belächelten Spielstil rehabilitiert.

Genauso wie beim Fußball halte ich es mit Prognosen: Man muss sich den Ball weit vorlegen. Prognosen müssen klar und scharfkantig sein, egal wie unübersichtlich die Lage ist. Prognosen müssen sich weit aus dem Fenster lehnen, selbst bei Absturzgefahr. Und gerade dann: Eine gute Prognose braucht Fallhöhe. Vorsichtige Prognosen minimieren das Irrtumsrisiko, vor allem aber minimieren sie den Spaß bei der Sache. Vorsichtige Einerseits-Andererseits-Abwägungen braucht kein Mensch. Gestern habe ich dem Affen mal wieder Zucker gegeben und das Kopf-an-Kopf-Rennen im US-Präsidentschafts-Wahlkampf abgesagt.

Dabei bleibe ich auch. Aber einige relativierende Anmerkungen können nicht schaden. Ich glaube nach wie vor, dass das Wahlergebnis schlussendlich nicht sonderlich knapp sein und ein relativ klarer Vorsprung für "Brack Bamma", wie ein einzelner Herr aus der kleinen, verbliebenen Restleserschaft dieses Blogs ihn gerne nennt, herausspringen wird.

Diesem Endergebnis werden aber in den Schwingstaaten (wie der gleiche Herr die ausgeweideten Kampfzonen nennt) eine Menge sehr knapper Wahlausgänge zu Grunde liegen, von denen Obama die Mehrzahl zwar für sich entscheiden können dürfte - dies zum Teil aber eben sehr knapp. Das ist meine Annahme.

Knappe Wahlausgänge in einigen Staaten (oder Wahlbezirken) können zu langen Auszählungszeiten führen. Knappe Auszählungsergebnisse können angefochten werden und Neuzählungen zur Folge haben. In manchen Staaten führen bestimmte Schwellen automatisch zu Recounts. Das bedeutet: Bis ein Wahlsieger einigermaßen verlässlich ausgerufen werden kann, kann es sehr, sehr spät respektive sehr, sehr früh werden. Es könnte auch passieren, dass es am Mittwoch noch keinen Wahlsieger gibt. Es könnte sogar passieren, dass wir - wie 2000 - einige Wochen auf ein endgültiges Wahlergebnis werden warten müssen. Dieses Wahlergebnis würde dann - daran glaube ich weiterhin - zwar nicht allzu knapp sein. Die Art und Weise, wie dieses Ergebnis zustande kommt, punktuell allerdings schon.

Ich glaube nicht, dass am Ende die Wahlmännerstimmen eines einzigen Staates den Unterschied ausmachen werden wie 2000 im Rennen Bush vs. Gore. Und wenn beispielsweise ein eher EV-schwacher Staat wie New Hampshire oder Colorado nachgezählt werden sollte, muss das nicht bedeuten, das damit die ganze Wahl in der Schwebe hängt. Wenn anderswo bereits genug Wahlmännerstimmen für eine Seite verteilt wurden, kann ein Sieger ausgerufen werden, auch wenn irgendwo noch gezählt wird.

Malen wir also den Teufel nicht an die Wand. Mittwoch morgen sollten wir zumindest grob wissen, wohin die Reise geht. Ein Kopf dürfte dann hängen und einer hoch erhoben sein. Wie früher beim Fußball.

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Was geht ab beim Schwingstaaten-Sextett?

Vorläufige Anmerkungen zur US-Präsidentschaftswahl

Es gibt kein Kopf-an-Kopf-Rennen, es gibt keinen knappen Vorsprung: Barack Obama wird die Präsidentschaftswahlen in den USA voraussichtlich mit einem relativ deutlichen Wahlmänner-Vorsprung gewinnen. Ungeachtet der US-weiten Meinungsumfragen zum so genannten „Popular Vote“, die immer wieder die Berichterstattung der Medien bestimmen, zeichnet sich dieses Ergebnis bereits seit Monaten nahezu unverändert ab. Fraglich war hierbei immer nur der Abstand der beiden Kandidaten – oder deutlicher gesagt: das Ausmaß von Obamas Vorsprung.

Dass die Umfragen nach der ersten Fernsehdebatte in Denver kurzzeitig nahelegten, dass der denkbare Vorsprung auf bis zu dreißig Electoral Votes zusammendampfen könnte, hat dem Rennen kurzzeitig etwas Würze verliehen: Was könnte passieren, wenn dieser Trend womöglich anhält? Doch das Zwischenhoch von Romneys Umfragewerten war nur von kurzer Dauer, wenn man sich die Auswirkungen auf mögliche Wahlmänner-Verteilungen anschaut. Und das Wahlmänner-System ist nun mal die Grundlage des amerikanischen Präsidentschafts-Wahlrechts. Die Nase vorn hatte Romney dabei nie.

Dass die Entwicklungen von Popular Vote und Electoral Vote sich zeitweilig zu entkoppeln schienen, ist ein durchaus interessantes und diskussionswürdiges Phänomen – hätte vor allem aber ein Anlass für Vorsicht sein sollen für alle jene, die plötzlich einen nachhaltigen Romney-Aufschwung beobachtet haben wollen. Grundsätzlich gilt in diesem wie in jedem Wahljahr die goldene Faustregel: Ein Korrespondenten-Bericht, der Aussagen zum möglichen Wahlausgang auf der Grundlage einer oder mehrerer nationaler Popular-Vote-Umfragen trifft, kann getrost ignoriert werden. 1

Vom Sandy-Boost zum Denkzettel?

Mittlerweile stellen sich auch die Medien, die bislang immer von einem knappen Rennen ausgegangen waren, darauf ein, dass das tatsächliche Wahlergebnis nicht allzu knapp ausfallen wird. Das ist blöderweise erklärungsbedürftig, und als Erklärung wird nun (beispielsweise im Aufmacher der heutigen SZ) deshalb gerne „Sandy“ angeführt: Der Hurrikan habe Obama gewissermaßen auf den letzten Metern kräftigen Rückenwind gegeben. Die Auswirkungen, die der Sturm und Obamas Krisenmanagement auf das Wählerverhalten haben könnten, lassen sich heute allerdings kaum valide bewerten. Zudem war der Vorsprung Obamas auch vor Ausbruch des Sturms zwar nicht übermäßig komfortabel, aber zumindest deutlich.

Auch wenn der Wahlausgang diesmal etwas enger werden wird, ist der Wahlkampf 2012 langweiliger als der vor vier Jahren. Im September twitterte ich in der mir eigenen selbstherrlichen Art: "Obama vs. Romney ist kein Kopf-an-Kopf-Rennen, ist es seit Monaten nicht, und wird es voraussichtlich auch nicht mehr werden." Bereits Anfang August posaunte ich: „Falls kein unvorhersehbarer crazy shit mehr passiert, sehe ich derzeit kein Szenario, bei dem Mitt auf über 255 EVs kommt. Eher drunter.“ Wie ich nun genau auf 255 gekommen bin (krude Zahl eigentlich!), erschließt sich mir heute nicht mehr, aber auch das war schon als theoretisches Maximalszenario gedacht.

Aus meiner heutigen Sicht liegt ein realistischer Wahlausgang für Mitt Romney zwischen 206 und 244 Electoral Votes. Um die Wahl zu gewinnen, benötigt Romney allerdings mindestens 270 EVs. Dementsprechend sehe ich Obamas EV-Range bei 294 bis 332 EVs. Im schlechtesten Fall besteht sein Vorsprung damit aus 50 Wahlmännern. Selbst das wäre zwar nicht gerade ein Erdrutschsieg, aber alles andere als ein knapper Ausgang. Möglich wäre aber auch ein Vorsprung von bis zu 126 Wahlmännern. Selbst dann werden es sich die deutschen Medien aber vermutlich nicht nehmen lassen, das Ergebnis als einen Dämpfer für Obama auszulegen, weil er die historische 364-Wahlmänner-Marke von vor vier Jahren nicht wiederholt haben wird. Das könnte dann der berühmte „Denkzettel“ sein, ein Bild, das deutsche Journalisten über alles lieben.

Prognose-Profis greifen an

Ich habe in diesem Jahr kein eigenes Prognose-Modell mehr aufgesetzt. Nate Silver von Fivethirtyeight/NYT, Drew Linzer von Votamatic oder Sam Wang vom Princeton Election Consortium haben das Prognose-Geschäft sowohl methodologisch als auch von der Datengrundlage her mittlerweile so weit verfeinert und professionalisiert, dass es ein sinnloses Unterfangen geworden ist, mit den bescheidenen eigenen Mitteln hier noch mithalten zu wollen.

Deshalb – und aus profanen Zeitgründen – habe ich in diesem Wahlkampf keine Primärdaten (insbesondere Einzelstaaten-Umfragen) mehr ausgewertet und gewichtet, sondern schaue mir nur noch die verschiedenen Prognose-Modelle (und nur noch in Zweifelsfällen einzelne, allgemein zugängliche Umfragen) an und bilde mir eine mittelmäßig informierte Meinung. Ein Abweichen von Mainstream oder gar Originalität darf man von meiner Wahlprognose in diesem Jahr also nicht erwarten.

Trotz deutlich höheren Aufwands in den Vorjahren ist mir eine originelle, abweichende Prognose aber eh nur im Jahr 2000 gelungen, mit der ich dann auch kräftig falsch gelegen habe. 2004 lag ich um einen Staat oder fünf EVs neben dem Endergebnis (wegen eines hauchzarten 8.400-Stimmen-Vorsprungs von Bush in New Mexico). 2008 verfehlte ich das offizielle Endergebnis um zwei Staaten oder 26 EVs (Indiana und North Carolina hatte ich McCain zugeschlagen).

Was passiert in der Wahlnacht?

Für dieses Jahr nun hat die New York Times eine schöne interaktive If-Then-Graphik veröffentlicht, die alle 512 halbwegs realistischen Wahlmänner-Konstellationen durchspielt. 431 davon bedeuten einen Sieg für Obama, nur auf 76 dieser Wege kommt Romney ins Ziel.

Um das das Wirrwarr etwas übersichtlicher zu machen, gehen wir mal systematisch an die Sache heran: Bei 39 Staaten steht bereits lange fest, wie die Wahl ausgeht. 382 Wahlmänner sind somit bereits aus der Verlosung. Bei dieser ersten Betrachtung führt Obama mit 201 EVs knapp vor Romney (181).

Bei den verbleibenden zwölf Staaten mit insgesamt 156 Wahlmännern lohnt sich ein näheres Hinsehen. Diese zwölf Staaten lassen sich noch einmal aufteilen: In sechs Staaten zeichnet sich bereits eine einigermaßen deutliche Tendenz ab, wie es jeweils ausgehen dürfte (Pennsylvania, Michigan, Wisconsin und Nevada gehen an Obama, North Carolina und Missouri gehen an Romney). Bei dieser Betrachtung führt Obama mit 253 EVs vor Romney (206).2 Gewonnen hat damit noch keiner.

Die verbleibenden Staaten, in denen der Wahlausgang voraussichtlich sehr knapp ausfallen wird, sind Colorado, Florida, Iowa, New Hampshire, Ohio und Virginia. 3 Diese Staaten bringen gemeinsam 79 Wahlmänner auf die Waage. Von diesen braucht Obama voraussichtlich nur noch 17, um seine Wiederwahl zu sichern. Damit Romney Präsident werden kann, müsste er schon 64 der 79 Wahlmännerstimmen gewinnen. Oder anders gerechnet: Romney muss in mindestens vier der sechs Staaten gewinnen, Obama reichen bestenfalls schon ein Staat (Florida oder Ohio) oder zwei (falls er Virginia gewinnt). In keinem Szenario benötigt er mehr als drei der sechs Staaten.

Geht man nach den gängigen Prognose-Modellen, scheinen fünf dieser sechs Staaten ganz leicht zu Obama zu neigen (Colorado, Iowa, New Hampshire, Ohio und Virginia). In Florida ist der Ausgang völlig offen, hier deuten sich derzeit minimale Vorteile für Romney an. Mit 29 Wahlmännern ist Florida allerdings auch der gewichtigste Brocken in diesem Schwingstaaten-Sextett. Wenn das Gerede und Geschreibe über den angeblichen Romney-Aufschwung jemals einen Sinn ergeben hat, dann vermutlich überhaupt nur hier in Florida, wo Obama einmal knapp die Nase vorn hatte.

Auf dieses Schwingstaaten-Sextett wird in der Wahlnacht also zu achten sein – und das erst recht, wenn es in dem vorgelagerten Tendenzstaaten-Sextett noch zu einer Überraschung kommen sollte. Sollte es Obama beispielsweise überraschend gelingen, in North Carolina oder Missouri zu gewinnen, zeichnet sich für Romney ein Desaster ab. Ein überraschender Romney-Sieg in Pennsylvania, Michigan und/oder Wisconsin hingegen könnte für Obama doch noch ein böses Erwachen bedeuten. Denn wenn Romney das gelingt, könnte er unter Umständen sogar eine Niederlage in Ohio verschmerzen.

Der Kongress tanzt

Zurück zur „Dämpfer“-These. Man kann eine selbst relativ klare Wiederwahl Obamas als Ohrfeige oder zumindest Denkzettel werten, weil Obama die Staaten-Koalition von 2008 nicht zusammengehalten hat – aufgrund der vielen Erwartungen, die er zunächst geweckt hatte, dann aber nicht erfüllen konnte. Wenn man die bisherige Bilanz Obamas bewerten möchte, kommt man nicht umhin, einen Schnitt in der Mitte seiner Präsidentschaft zu machen. In den ersten beiden Jahren hat er zwar nicht alle Wahrversprechen einlösen, aber einige beachtliche Erfolge erzielen können. In den letzten beiden Jahren fehlte Obama eine Mehrheit im Repräsentantenhaus, seitdem ist das politische Washington mehr oder weniger blockiert. 4

Mindestens genauso spannend werden daher auch die aktuellen Kongresswahlen, von deren Ausgang die Handlungsfähigkeit des neuen Präsidenten maßgeblich abhängen wird. Im Repräsentantenhaus scheinen die Republikaner die Nase relativ deutlich vorn zu haben. Etwas unübersichtlicher ist die Lage im Senat, wo es nicht sicher ist, ob die Demokraten ihre aktuelle knappe Mehrheit werden verteidigen können. Mit anderen Worten: Mit klaren Mehrheitsverhältnissen braucht man für die nächsten zwei Jahre eher nicht zu rechnen. Voraussichtlich wird ein demokratischer Präsident erneut einem gespaltenen Kongress gegenüberstehen. 5

Morgen veröffentliche ich hier meine Electoral Vote-Prognose. Wie ich mich bei Florida entscheiden werde, ist mir selbst noch völlig unklar. Und falls dann Mittwoch morgen alles ganz anders aussieht und wir in Romneyworld aufwachen, freue ich mich schon auf das Gelächter über diese allzu selbstgewissen Ausführungen...

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1 So schrieb etwa die Welt am Sonntag in ihrem gestrigen Aufmacher: „Die amerikanische Internetseite Real Clear Politics kommt bei einer Auswertung der zehn wichtigsten Umfragen der vergangenen Tage auf einen Vorsprung Obamas von nur 0,1 Prozentpunkten – 47,4 zu 47,3 Prozent.“ Etwas später folgt noch ein wenig weiterführender Verweis auf eine Studie über Wetterfühligkeit und Parteipräferenz.

2 Wer zu übermäßiger Vorsicht neigt, kann auch noch auf Maine, Minnesota, New Mexico und Arizona acht geben.

3 Die New York Times zählt beispielsweise auch Wisconsin dazu, das wir hier aber bereits in die Obama-Spalte einsortiert haben. Auch, weil die 6-plus-6-Staaten-Logik einfach schöner aussieht.

4 Einen spannenden Einblick in diese Zeit bietet beispielsweise David Corns gut informiertes, zugegebenermaßen aber etwas parteiisches Buch "Showdown".)

5 Wer sich auf die Kongresswahlen vorbereiten möchte, für den gibt es einen schönen One-Pager von Rothenberg Political Report.


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Kutter lässt einen twittern:
Die NFL 2012 Sonderedition

Seit 2003 blogge oder twittere ich über die Nordischen Filmtage Lübeck. Im Gegensatz zu einigen Vorjahren ist es mir in diesem Jahr sogar gelungen, wieder den einen oder anderen Film zu sehen. Lesen Sie hier in chronologischer Reihenfolge meine gewohnt geschmackssichere Bestandsaufnahme in twitteresk hingeschluderter Kurzatmigkeit.

Oh mein Gott, was soll ich bloß anziehen?

Bin noch nie so unvorbereitet zu den Nordischen Filmtagen Lübeck gefahren. Habe aber vorsichtshalber mal jede Menge Serien aufs iPad gepackt

Die Nordische Filmtage Lübeck-Bilanz: Eröffnungsfilm am Mittwoch war die norwegische Thor-Heyerdahl-Saga "Kon-Tiki". #NordicFilmDays

"Kon-Tiki": Angenehm altmodischer Abenteuerfilm, dessen Hanldung allerdings nur so auf den Pazifikwellen dahinplätschert. #NordicFilmDays

"Kon-Tiki" wurde tatsächlich zweimal gedreht: Einmal auf norwegisch, einmal auf englisch. Fast volle Besetzung war anwesend. #NordicFilmDays

"Kon-Tiki" profitiert vom Hai-Grusel-Reflex, den Spielberg uns eingepflanzt hat. Gut gebaute, gut gebräunte Männerkörper #NordicFilmDays

Falls Sie auf dem Eröffnungsempfang waren: Ich war der, der alle 20 Sek den Liveticker des #H96 Pokalspiels aktualisiert hat #NordicFilmDays

"Dom över död man" (Das letzte Urteil): Schwedisches Ehedrama in unheildräuenden Schwarz-weiß-Bildern #NordicFilmDays

"...död man" wurde in Farbe gedreht und in S/W umgewandelt. Verleihe, die S/W-Version nicht wollen, bekommen die Farbversion #NordicFilmDays

"...död man": Ein arg langsam auserzählter Film über Torgny Segerstedt, einen Journalisten, der gegen Hitler anschrieb. #NordicFilmDays

"...död man": Vor allem geht es aber um Segerstedts Unfähigkeit, die Liebe der Frauen zu erwidern. #NordicFilmDays

"...död man": Jesper Christensen spielt Segerstedt mit dänischem Akzent. Regisseur Troell und Autor "Rif" Rifbjerg waren da. #NordicFilmDays

"Hungry Minds": Ein sehr toller Dokumentarfilm von Beatrix Schwehm über mobile Bibliotheken in Bangladesh, Kenia u. Mongolei #NordicFilmDays

"Hungry Minds": Bibliotheken auf Booten oder Kamelen - und die Menschen, die damit Bücher in die Peripherien bringen. #NordicFilmDays

"Kompani Orheim": Nach "Mannen som elsket Yngve" und "Jeg reiser alene" der dritte Teil der Jarle-Klepp-Saga aus Norwegen. #NordicFilmDays

"Kompani...": Ein Prequel. Jarle ist hier 16, leidet unter seinem alkoholkranken Vater, entdeckt die Musik, Politik, Mädchen #NordicFilmDays

"Kompani...": Kristoffer Joner als Vater Terje ist gewohnt großartig, und Vebjørn Enger als der junge Jarle eine Entdeckung #NordicFilmDays

"Vuosaari" (Naked Harbour): Ein neuer Großstadt-Episoden-Film aus Helsinki von Aku Louhimies im Stil von Frozen Land/City. #NordicFilmDays

"Vuosaari": Zurückweisungen, Demütigung, Verachtung, Einsamkeit, die vergebliche Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung #NordicFilmDays

"Vuosaari": Ich verehre Aku Louhimies sehr, aber nach dem Film wollte ich mir spontan die Pulsadern aufschneiden #NordicFilmDays

"Vuosaari": Dreht Aku eigentlich auch mal nicht im Winter? Hell-sinki ist jedenfalls auch diesmal wieder mal die kalte Hölle #NordicFilmDays

"Fraktus": Die Drei von Studio Braun in einem überraschenden, unerwartet ernsthaften, leisen, ja zärtlichen Film. #NordicFilmDays #fraktus

"Fraktus" ist eine gefühlvolle Meditation über das Scheitern und die alle Hindernisse überwindende Macht der Musik. #NordicFilmDays #fraktus

"Fraktus": Hintergründige Gesellschaftskritik, komplexe Musik, opulente Bilder, Gewalt mit Dönerspießen. #NordicFilmDays #fraktus

"Fraktus": Eine Hymne auf die Freundschaft und die Kraft der Musik. Nichts für das vergnügungssüchtige NFL-Publikum #NordicFilmDays #Fraktus

"Fraktus": Außerdem tolle Landschaftsaufnahmen von Madeira und Brunsbüttel. Oder irgendwo jedenfalls. #NordicFilmDays #fraktus

In "Fraktus" kann man R. Schamoni, H. Strunk, J. Palminger als unerwartet ernsthafte Charakterdarsteller entdecken. #NordicFilmDays #fraktus

"Fraktus": Devid Striesow treibt sein Spiel dann aber doch manchmal etwas zu sehr in Richtung Kunstfilm. #NordicFilmDays #fraktus #taube

"Fraktus" ist ein echter Autorenfilm, was man schon daran erkennt, dass gleich sechs (!) Autoren mitgewirkt haben. #NordicFilmDays #Fraktus

Studio Braun, Regisseur Jessen &al waren anwesend. Sehr introvertierter, nachdenklicher Auftritt. Strunk war stramm #NordicFilmDays #fraktus

Gestern abend Filmschuppen-Party. War nach "Fraktus" aber zu sehr in Gedanken, um zu richtig zu feiern. Trotzdem viel Bier. #NordicFilmDays

Wie geht's heute weiter? Gleich Olof-Palme-Doku, später vlcht noch "People Out There" (Lettland) u./o. "Uskyld" (Schweden). #NordicFilmDays

Heute abend dann planvoll herbeigeführter Filmriss auf der Filmpreisnacht. Danach das Hotelzimmer verwüsten, wie jedes Jahr. #NordicFilmDays

Nordische Filmtage ist jedes mal wieder harte Arbeit. Und nächste Woche ist dann schon US-Wahl. Habe seit 3 Wochen keine EVs mehr gerechnet.

Der Kutter wurde auf den #NordicFilmDays auch dieses Jahr wieder ausgestattet von: Boardrider, maKULaTUR und Galenus-Apotheke

Wie ich es schaffe, auf den #NordicFilmDays ohne Kater aufzuwachen? Vor dem Schlafengehen immer eine hiervon nehmen: pic.twitter.com/f2d7cf2j

Hotels ohne Wasserkocher auf den Zimmern sind grundsätzlich immer abzulehnen.

Wer ist dein Freund bei Nacht und Tag? / Das Glutamat, das Glutamat.

"Palme": Solide und informative Bio-Doku über Olof Palme - weniger über seine Ermordung als seinen politischen Werdegang. #NordicFilmDays

"Palme": Warum müssen heute eigentlich selbst Dokus mit eigener Filmmusik zugebreit und hochdramatisiert werden? #NordicFilmDays

"Palme": Sind historische Filmdokumente heute etwa musikalisch erklärungsbedürftig durch Leute wie Benny Andersson? C'mon! #NordicFilmDays

("Palme") Benny Andersson: Thank you for the music. Not. #NordicFilmDays

"Palme" Fun Fact: Der Onkel der Freundin des Cousins meiner Lebensrestlaufzeitpartnerin wurde übrigens auch interviewt. #NordicFilmDays

"Fraktus"/"Palme": Eines hab ich bei den diesjährigen NFL gelernt: Devid Striesow MUSS Olof Palme spielen! #NordicFilmDays

Das Problem mit der Filmpreisnacht ist jedes Jahr der Kollege Carlsberg, der mir irgendwann immer einen über die Rübe zieht #NordicFilmDays

Thomas Vinterberg hat mit "Jagten" drei Preise abgeräumt, und ich habe wie jedes Jahr den Gewinnerfilm wieder nicht gesehen. #NordicFilmDays

Orr, Kollege Carlsberg, die Sau!

Orr, Kollege Carlsberg ist ein echt hinterhältiger Hund!

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FRÜHERE NFL-BERICHTERSTATTUNG BEI DICHTHEIT & WAHRUNG:

2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2006/2007 | 2005 | 2004 | 2003


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Als ich als junger Mann Arno Schmidt, Flann O'Brien, Albert Camus entdeckte und darauf mein weiteres Leben zwar nicht ganz, aber doch weithin der Literatur zuwendetete, verdankte ich das nicht meinen Lehrern und nicht meinem Elternhaus, sondern dem Malibu Plattenversand aus Hamburg.

#zulangfürtwitter


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Aber, ach...

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Kutter lässt einen twittern,
XVI. Lieferung

Lesen Sie hier, was sich (in der gewohnten umgekehrten chronologischen Reihenfolge) in den letzten Wochen auf meinem Twitter-Account ereignet hat, oder besser noch: lassen Sie es bleiben.

Es ist ja doch auch ein wenig frisch geworden in den letzten Tagen, isn't it?

Alteingesessene griechische Gastronomen möchten mit mir über David Jarolim sprechen. #ichkanndochauchnichtsdafür

Mit @ankegroener im Volksparkstadion #HSV - #FCB gesehen. Und langsam spüre ich auch meine Zehen wieder.

"0,1 Prozent Finanztransaktionssteuer? Da ist ja meine Hausfinanzierung teurer!" #HierLachtBellevue

Habe in diesem Jahr bislang nur Filme mit Ryan Gosling im Kino gesehen. War in diesem Jahr bislang nur zweimal im Kino. Komisches Jahr.

"Driver": Ein Michael-Mann/Abel-Ferrara-Hybrid. Brutale Lakonie, lakonische Brutalität? Famose Musik. Typographie aus der Hölle.

2012 ist irgendwie 'n komisches Jahr. Ich bin irgendwie immer noch in 2009.
"0,1 Prozent Finanztransaktions-Steuer? Da ist ja meine Hausfinanzierung teurer!" (Hier lacht Bellevue)
Paul McCartney sieht auch immer mehr aus wie Angela Merkel

Der schmale Grat zwischen Gin und Wahnsinn

Seit 1.1.2012 sind Saxophon-Soli wieder erlaubt.

Manche Präsidenten stürzen über eine "Ruby", andere stolpern über ihren Rubikon.

Das von Stefan Raab erfundene revolutionäre Echtzeit-Voting habe ich erstmals 2008 bei den Präsidentschaftsdebatten auf CNN gesehen. #USFB

Das "ingenious draughtflow system" in der Murphy's Stout 3.5% Lättöl-Dose ist tatsächlich ziemlich ausgefuchst.

Überall Schnee, aber ich bin nicht in New Hampshire. #früherwarmehrlametta

Mehrere Menschen haben mir in den letzten Tagen auf meiner Mailbox Krieg angedroht. #wulffunddiefolgen
Paul McCartney sieht auch immer mehr aus wie Angela Merkel
Der Service in "Ufo's Pizza Palace Butik och Kebap" ist nicht sehr aufmerksam.

Der Sturm ist vorbei. Rund ums Haus liegen entwurzelte Bäume. Eindrucksvoll. Immerhin ist diesmal der Strom nicht ausgefallen.

Ich bin ein Fan von Sebastian Kölzow-Isaksen. Ich nenne ihn auch gerne "Dr. Bob" Kölzow. #HalmstadHammers

Zurück aus der Halmstad Arena. Die Halmstad Hammers haben 1:3 gegen Helsingborg HC verloren. Die Wurst hat auch mies geschmeckt.

Ich weiß nicht warum, aber ich mag gerade Jahreszahlen einfach lieber als ungerade.

Dieses Jahr gibt's voll was auf die 2012!

Dass sie bei Gränsbygdens Köpcentrum in Råstorp zu blöd oder zu faul sind, nen Durchbruch zu machen, bewerben sie stolz mit "2 butiker!"

Die aktuellen popkulturellen Zumutungen, von denen meine jungen Hipsterfreunde vorgeben, sie nicht zu kennen, kenne ich wirklich nicht.
Der schmale Grat zwischen Gin und Wahnsinn
Reger Sylvesteranreiseverkehr vor dem Haus. Schweden, Dänen, sogar Holländer. Ist das jetzt etwa ein internationaler Tourismushotspot hier?

Kann das wirklich sein, dass wirklich niemand auf meiner Timeline das Auftaktspringen der Vierschanzentournee gesehen hat? #barbaren

Die Prä-Raphaeliten bei Michel Houellebecq und Wolfgang Müller

Ich verstehe gar nicht, wie ich mein bisheriges Leben ohne Tempomat leben konnte...

Ausgerechnet Sigmar Gabriel will jetzt Christian Wulff "im Amt halten": Sigmar Gabriel hat offenbar noch eine Rechnung offen... #2003

Eigentlich etwas beunruhigend, wie routiniert und flink ich mittlerweile mit Einwegspritzen hantiere.

Zeit, Bilanz zu ziehen: 2011 war ein durchschnittliches Jahr. Schlechter als 2010, aber besser als 2012.

Alle Weihnachtsaktivitäten hinter mich gebracht. Call me survivor!
Gleichgültigkeit ist mir egal.
Immer wenn ich meinen Pari Compact Inhalationskompressor anwerfe, denke ich an das "seltsam Rauchgerät", von dem Element of Crime einst sangen

Ich schaue nicht viele Musikvideos, deshalb war es ein leichtes für mich, mein Musikvideo des Jahres zu wählen: vimeo.com/24306741

Das Gute an Weihnachten: dass es mit der gleichen bösen Unausweichlichkeit, mit der es jedes Jahr aufs Neue kommt, auch wieder verschwindet.

Eben rief wieder dieser Typ an, der glaubt, er sei ein Hacker, weil er Captchas "lösen" könne...

Wow, scary! Wulff hat sich heute selbst seine linke Gehirnhälfte rausoperiert. #glaeseker

Sollte heute schon wieder einem das "System Hannover" erklären. Leute, wenn ich es verstanden hätte, wäre aus mir auch was geworden!

Gleichgültigkeit ist mir egal.

Nachdem mein Nachbar sich vorhin meinen Werkzeugkasten ausgeliehen hat, dürfte er nun seine Weihnachtsgeschenke zusammen haben.

Hätte der Wulff seinen Privatkredit beim Guttenberg genommen, hätte der den gleich abschreiben können. #HierlachtderBanker

Ach, so sind sie, die Liberalen. Der letzte Außenspiegel, den ICH abgefahren habe, war wenigstens mein eigener!

Lindner versucht, möglichst viel Abstand zwischen sich und die Bundestagswahl zu bringen. Das wird im Rückblick mal sehr schlau gewesen sein

Pünktlichkeit ist die Rebellion der Chaoten.

Ich habe übrigens den coolsten Klingelton der Welt: "Bellbottoms" von Jon Spencer Blues Explosion. Perfekte Ringtone-Dramaturgie!

85% der befragten West Wing-Fans finden, Jed Bartlet wäre ein besserer Präsident als Barack Obama. thewestwing.tv/who-would-be-t… #westwing

Auf dem Weg ins Büro höre ich immer "Größenwahn" von Andreas Dorau. (Strategien der Selbstmäßigung)

Einen quälen ist Mobbing. Mehrere quälen ist Teambuilding.

"Wer sind Sie überhaupt?" - "Ich bin der, der seinen Job beherrscht. Dann müssen Sie wohl der andere sein." (Mark Wahlberg in "The Departed")

♫ How much shit a good man can eat / before he becomes shit himself? ♫ (Bobby meets de Selby meets moi)

Vom Suizid-Versuch Babak Rafatis hörte ich, als ich gerade den FAZ-Leitartikel zu Heinrich von Kleists 200. Todestag zu Ende gelesen hatte.

Und wieder einer dieser Tage, dessen Probleme man am liebsten mit einem beherzten "Frischfisch macht frisch!" aus der Welt schaffen würde.

Immer, wenn wir bei Kalle auf den Hof fahren, ruft er: "Hannooover!" Aber nur, wenn 96 verloren hat.

Ich glaube, mein Oberschenkel macht dicht.

Gestern abend: Die lange Nacht der grünen Kugeln - Show-down auf der Bundeskegelbahn

Ich glaube, ich bin Aggroleptiker.

Ich will zurück, ich will zurück, ich will zurück nach Nacka Strand...

Ich muss es ja mal sagen (weil's sonst keiner tut): Diese Woche war ich mal wieder auf der Höhe meiner Kunst!

BILD heute: "Nazis! Sie benutzen sogar Bettdecken!" (Oder so ähnlich.)

Habe soeben das Wort "stringentieren" erfunden. Vergessen Sie nie, wo Sie es zuerst gelesen haben! (Hier.)

I put the "latte" in Schallplatte.

Schreibblockade. Beim Twittern. Das weiße Eingabefeld verhöhnt mich. Unmöglich, es zu füllen. Mehr Alkohol.
Pünktlichkeit ist die Rebellion der Chaoten.
Ich bin der Elder Statesman des Punkrock.

Immer bei solchen Rückenschmerzen sorge ich mich, den richtigen Zeitpunkt für eine Berufsunfähigkeitsversicherung bereits verpasst zu haben

Nie war ich so alt wie heute.

Drei Stunden für drei Entscheidungen. Warum sind Abendsitzungen immer viel zäher als alle anderen Sitzungen?

Ich bin ein analoger Hacker. Ich verstehe nichts von Technik, mein Spezialgebiet ist: ich hacke Organisationen.

Hier knie nun nieder, küsse den Ring und lass Dich mit dem Krückstock zum Kanzlerkandidaten schlagen. #Sozialdemokratie_anno_2011

Mozart und wie er das heutige Fernsehen sah: "Singt dem großen Buzzer Lieder"

"Die Moderne, Freundchen, kommt gerade erst auf uns zu": Jetzt dreht der Dath völlig durch. faz.net/aktuell/feuill…

Soll einer Kanzler werden, der im Handgepäck eines grummeligen alten Sacks reist, um sich von diesem brav den Kopf tätscheln zu lassen? #steinbrück

Dieser Steinbrück schawenzelt um diesen schlecht gelaunten alten Schmidt herum wie ein Erbschleicher, der ins Testament will.

Ihr dürft mich jetzt übrigens auch gerne mit "Herr Fabrikant" ansprechen.

Da, wo der Deutsche "Herz" auf "Schmerz" reimt, fügen sich beim Briten "pills" zu "thrills". Heute: Songwriter Stevie Jackson (Schottland)

"Sehenswürdigkeiten" sind die "Prominenten" unter den Orten.
Einen quälen ist Mobbing. Mehrere quälen ist Teambuilding.
"Shine on you crazy diamond" in einer Todesanzeige, das ist nicht ohne Stil. #Kittler #RIP

Hey, Internet! Wieso erfahre ich erst heute, dass es eine neue Tommy-Keene-Platte gibt? Und zwar aussem Print?! Schwach, ganz schwach!

Heute morgen roch es in meinem Bad, als hätte heute nacht dort jemand Fischstäbchen gebraten, und zwar in Butter. Europa am Abgrund.

Wenn ich Karl Bruckmaier gestern richtig verstanden habe, klingen Neil-Young-Kassetten viel besser, wenn man sie in der Sonne liegen lässt.

Dan Mangan versucht und gelingt zu viel auf dem neuen Album.

Eben erst bemerkt, dass ich auch einen lettischen Fernsehsender empfange. Kāpēc neviens man saka?

Nicht dass ich meine Freikarten für Roxette habe verfallen lassen, ist verwunderlich, sondern dass ich es bedauere.

"Literaturdekorateur" gelesen statt "Literaturredakteur". Ein mutmaßlich unnützer Job, in dem ich aber gar nicht schlecht wäre.

Dass sich die Kanzlerin aus Ho-Chi-Minh-Stadt zu der verworrenenen Situation meldet, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Wie gut das ist, dass Praschl wieder da ist. Wie sehr er gefehlt hat. vague.antville.org

Diese These von der Anal- bzw. Fäkalfixierung der Deutschen halte ich ja immer noch für 'ne Scheißargumentation: vanityfair.com/business/featu…

Das Internet, das ich hier empfange, nachdem die Sicherheitsfilter unserer IT damit fertig sind, sieht anders aus als jedes andere Internet.
Ich glaube, ich bin Aggroleptiker.
Wieder kein Friedensnobelpreis für Dr. Kohl, obwohl er die Wiedervereinigung erzwungen hat, ohne dass ein einziger Schuss abgebeben wurde.

Oh mein Gott, schrecklicher Gedanke gerade: Was, wenn mein Lieblings-Sakko nicht so alt wird wie ich? #alleinsterben

Wieder kein Friedensnobelpreis für Kohl. Dabei war er der letzte Kanzler, unter dem Deutschland Kriege nur finanziert und nicht geführt hat.

Schon wieder kein Friedensnobelpreis für Philip Roth!

Krass! "Die Vorhänge in dem Bungalow waren zugezogen, vor einigen Fenstern waren gar die Rollläden heruntergelassen." #journalismus

Im Gegensatz zu Steve Jobs läuft mein alter Macintosh SE (Baujahr 1988) immer noch einwandfrei. Mal sehen, ob er älter wird.

Gibt es so etwas wie U-Bahn-Trainspotter? Wenn ja, dann sehe ich regelmäßig einen. Aus der U-Bahn.

Konnte Noel und Liam noch nie auseinanderhalten. Musste ich aber auch noch nie.

Laut Suchanfragen, die zu meinem Blog führen, bin ich die Schwester von Mousse T., die gerade an der Fortsetzung von "The Wire" arbeitet.

Von Mao zu Moa, von Pol Pot nach Poltawa (Bildungsroman eines linken Fußballfans)
Wieder kein Friedensnobelpreis für Dr. Kohl, obwohl er die Wiedervereinigung erzwungen hat, ohne dass ein einziger Schuss abgebeben wurde.
Seit es "Zwobot" nicht mehr gibt, habe ich den Fernseher nicht mehr angemacht. (file under: Dinge, von denen ich wünschte, sie wären wahr)

Die neue #faz.net-Startseite: Ist das jetzt retro oder vintage?

Die neue #faz.net-Seite: etwa nach dem ersten Drittel abwärts wird's eher unschön (wenn alle Spalten gleich breit werden). Aber oben: Schön!

Ich mag das Wort "lillebror". Liegt vermutlich daran, dass ich Einzelkind bin.

Dass das neue Ryan-Adams-Album dann nicht doch mindestens eine Elektroclash-Extravaganza geworden ist, ist schon eine große Überraschung.

Hey, Internet, wo krieg ich denn hier in Mitte (Hannover-Mitte) am Einheiztag eigentlich ein okayes No-Bullshit-Frühstück?

Erst der Sommer, der keiner war, und jetzt werden wir auch noch um einen anständigen Herbst beschissen. Das Wetter dreht durch.

Besser noch als Gunter Gabriel: @Kulturfolger He is a Creep: youtube.com/watch?v=hXlzci…

Und auf alles gleißt eine unbarmherzig aus allen Rohren feuernde Sonne, deren Licht noch in die letzten Ritzen und Winkel kriecht. Gelbe Sau!

Werfe Ibuprops ab wie ein Bomber seine tödliche Fracht. Ich werde diesen Schmerz dem Erdboden gleichmachen!
Oh mein Gott, schrecklicher Gedanke gerade: Was, wenn mein Lieblings-Sakko nicht so alt wird wie ich? #alleinsterben
Auf jeder Zigarettenpackung steht, wie tödlich Rauchen ist. Aber auf keinem Gin Tonic-Glas steht, dass einem davon der Kopf platzen kann!

In einer Stadt zu leben, die von ihren auswärtigen Besuchern bloß "Hangover" genannt wird, hätte mir Warnung genug sein müssen.

Mein Kopf fühlt sich an wie eine Schrottpresse. Nein, falsch: wie eine Schrottpresse IN einer Schrottpresse.

Ich glaube, dass Deutschland ein Land ist, dass nur noch mit den Retro-Filtern der Smartphone-Photographie angemessen abgebildet werden kann

Hey, Twitter, nur mal für's Protokoll: Solange ich noch meinen eigenen Hüften vertrauen kann, werde ich Shakira NICHT folgen.

Dass meine Rechtschreibprüfung das Wort "Dienstleister" einfach und einfach nicht akzeptieren will, macht sie mir ja sympathisch.

Arbeite gerade an einer Richtlinie, die mir künftig ermöglichen wird, in bestimmten Fällen zu sagen: "Das ist ein klarer 3.4.2.b!"

Heute schon zum zweiten Mal mit einem jovialen "Mensch, Kutter, Sie hier und nicht in Poltawa!" begrüßt worden.

Gelernt, was die russische Redewendung "Wie ein Schwede bei Poltawa" bedeutet: haz.de/Nachrichten/Sp…. Schluck.
Und auf alles gleißt eine unbarmherzig aus allen Rohren feuernde Sonne, deren Licht noch in die letzten Ritzen und Winkel kriecht. Gelbe Sau!
Redwood Plank Deck von Tunnel, 4President Wheels von Orangatan und Holey Trucks - oder: Mobil durch die Midlife Crisis

Seit ich dazu übergegangen bin, #o2 nicht mehr als Netzanbieter, sondern als Firewall zu betrachten, bin ich eigentlich recht zufrieden.

Es gibt diesen Kollegen, immer wenn ich ihn auf dem Gang sehe, höre ich den "Imperial March" aus "The Empire Strikes Back" in meinem Kopf

Allgegenwärtigkeit: Ray-Ban-Hornbrillen, Wellensteyn-Jacken. Darauf kann dieses Land sich, scheint's, einigen.

Niedersächsische Landesregierung bereitet Meeresstrategie für die Nordsee vor. Endlich angemessene Reaktion auf den Wahlerfolg der Piraten!

Die niedersächsische Landesregierung arbeitet an einer Meeresstrategie für die Nordsee. Recht so. Das Thema plätscherte bisher eher so dahin

Statt "gelbwürdiges Foul" eben "glaubwürdiges Foul" gelesen. Machte im Zusammenhang irgendwie auch Sinn.

Heute zum ersten Mal seit langem wieder eine Schrift gekauft. Privat. Sie heißt "Fidel Black". lttl.co/pnXniF

Ganz Twitterberlin beschäftigt sich nur noch mit Piraten oder aber mit Artikeln über Piraten. Die ham Probleme da!

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich für Abwesenheit keinen Assistenten mehr brauche.

Zurück aus dem #Heidepark in Soltau. Die größte Attraktion war wider Erwarten nicht "Die Krake", sondern "Die Schlange".

Vorteil "GNARR": Heiða Kristín Helgadóttir sieht besser aus als George Stephanopoulos.

Vorteil "The War Room": wird in der Mitte nicht allzu sehr vom Spitzenkandidaten zugelabert wie "GNARR" von Gnarr

"GNARR" (2011) ist die komischste Wahlkampf-Doku seit "The War Room" (1993).
Ich glaube, dass Deutschland ein Land ist, dass nur noch mit den Retro-Filtern der Smartphone-Photographie angemessen abgebildet werden kann.
Gestern fühlte ich mich wie ein Viehtreiber. Aber jetzt stehen alle Rinder wieder brav auf der Weide. Bzw. sind alle Schäfchen trocken.

Helmut Kruhl, Meister von 1954, ist tot: bit.ly/rfU7s7 #h96

Noch heute rufe ich bei jedem Freistoß 20m vorm Tor: "Krupi-Entfernung!" Block W17 kann es bezeugen.

Vielleicht muss man es immer wieder laut aussprechen: "Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen."

Es ist eine pädagogisch äußerst bedenkliche Lektion, dass man nach einer halben Stunde rumtouretten offenbar alles bekommt, was man wollte.

Bin seit 15 Minuten im verschärften Meltdown- und Tourette-Modus.

Ich gebe ihnen und mir noch 11 Minuten. Dann schalte ich um in den Tourette-Modus und greife zum Telefon.

Ich kann problemlos schlechte Laune haben, auch wenn es keinen Grund dafür gibt. Warum verdammt geht das nicht auch mit guter Laune?

Alle hacken auf dem #Papst rum, aber fashion-wise ist #Ratze der bestgekleidete Mann seit Hamid Karzai. Eine Ikone der Metrosexualität!

Habt Ihr Euch nicht auch schon immer gefragt, warum Band 2 von "Das Kapital" viel dünner ist als Band 1 und Band 3? Sieht doch scheiße aus!

Morgen große Entscheidungsschlacht in meinem Mehrfronten-Abnutzungskampf um Das Große Projekt: Clusterfuck oder Grandezza?

Kleiner Hund trat in letzter Zeit tatsächlich ein wenig ungehobelt auf.

Philipp Rösler (lt. SZ): "Es ist unbestritten vielleicht (...)" [aufgehört zu lesen]

Ehrlich! Ich hab auch keine Ahnung, warum Facebook glaubt, Ralf Stegner sei eine Person, die ich vielleicht kenne!
Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich für Abwesenheit keinen Assistenten mehr brauche.
Ach, Ihr Teilzeit-Aphoristiker da draußen!

Sie sagt, Kleiner Hund habe eben "sehr bestimmte Vorstellungen von Symmetrie und Ordnung". Die er auch sehr konsequent durchsetzt.

2011 brachte neue Alben von Richard Buckner, Richmond Fontaine & Dan Mangan sowie Hannover96 in die EuroLeague. Scheißjahre sehen anders aus

Bislang haben wir alle Spiele gewonnen, bei denen alkoholfreies Bier im Stadion vorgeschrieben war. Empirie, Baby! #h96

Mein Leben zwischen Standard & Poor's und Standard Lüttich (möglicher Titel für Autobiographie) #h96

"Lüttich" klingt für mich wie ein Adjektiv, das "klein" oder "unbedeutend" meint. As in: "Mann, diese Portion ist echt lüttich!" #h96

Sollte es das Ziel von o2 sein, seine Kunden von den Zumutungen mobilen Netzzugangs abzuschotten, wäre es ein sehr erfolgreiches Unternehmen

Dieses Internet ist mir irgendwie zu groß und unübersichtlich geworden. Gibt's hier nicht irgendwo eine Executive Summary?

Ob ich bei Facebook wohl jemals den Unterschied zwischen "Hauptmeldungen" und "Neueste Meldungen" begreife? Andererseits: wen juckt's?
Habt Ihr Euch nicht auch schon immer gefragt, warum Band 2 von "Das Kapital" viel dünner ist als Band 1 und Band 3? Sieht doch scheiße aus!
Kopf hoch, Günther #Jauch! Auch wenn's bei diesen waaaahnsinnig interessanten Karteikarten sicher schwer fällt.

Hallo ARD! Ihr könntet noch mehr Einstellungen mit Dieter Moor in die Sendezeit packen, wenn Ihr mit Split Screen arbeiten würdet! #ttt

Heute braucht es im Kapitalismus keine Terroristen mehr, um seine Symbole zu zerstören. Heute tut dies der Kapitalismus von ganz allein.

Kommunalwahl in Niedersachsen. Kleiner Hund war heute zum ersten Mal wählen.

Mein Eleven, dein Eleven... Nein Eleven!

Meine Bilanz des Lindener Schützenfests: 5 Bier, 8 Lütje Lagen, 6mal Autoscooter, sowie 1 handgefertigtes Longboard in Kalifornien bestellt.

Auch schon wieder zwei Jahre her, dass ich in Berlin war. Sollte für nächstes Jahr vielleicht mal wieder einen Besuch einplanen.

Heute hatte ich wieder so einen "Ich-muss-Frank-Drebin-töten!"-Tag.

Prominenten Twitterern folge ich grundsätzlich nur, wenn sie mir zuerst folgen.
Mein Leben zwischen Standard & Poor's und Standard Lüttich (möglicher Titel für Autobiographie)
Weil ich an der Kasse stand und darauf wartete, dass jemand kommt, um zu kassieren. (Zugegeben: sehr verdächtiges Verhalten, das!)

Bin heute verdächtigt worden, ein Brötchen aus der Kantine klauen zu wollen. Wie ich aufgeflogen bin?

Menschen, die von "Ground Zero" reden, als hätten sie die schon gekannt, als sie noch in kleinen finnischen Clubs auftraten.

Menschen, die von "Ground Zero" reden, als wären sie dort aufgewachsen.


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Wulff und ich

Es gibt etwas, das Christian Wulff und ich gemeinsam haben. Man hält uns beide für Hannoveraner. Allerdings fälschlicherweise: Auch wenn ich seit langem und nur mit kurzen Unterbrechungen in Hannover lebe und von hier aus meine weltumspannenden Aktivitäten koordiniere, so stamme ich doch ursprünglich aus den unendlichen, menschenleeren Weiten Südskandinaviens. Und besagter Christian Wulff kommt aus Oldenburg oder Osnabrück oder Oldeslohe oder irgendeinem anderen dieser Orte mit „O“, die kein Mensch auseinanderhalten kann. Er hatte aber immerhin für einige Jahre ein Büro in Hannover und soll sich sich überdies im Speckgürtel der Landeshauptstadt eine beklinkerte Einfamilienwohneinheit zugelegt haben, auch wenn man im Falle Hannovers wohl eher vom „Graubrotgürtel“ sprechen sollte. Es kam in dieser Stadt sogar einmal zu einem Zusammentreffen zwischen uns, in dessen Verlauf wir Hände schüttelten, und zwar gegenseitig, wie es in diesen Breiten guter Brauch ist. Wir hatten uns dabei allerdings wenig zu sagen, und auch dies ist hier guter Brauch.

Die vermeintliche gemeinsame Herkunft des Herrn Wulff und meiner Person führt nun aber langsam zu unangenehmen Verwicklungen. Mehrere Menschen aus verschiedenen Teilen des Bundesgebiets haben mir in den letzten Wochen auf die Mailbox gesprochen. Sie hielten es für originell, mir mitzuteilen, sie seien gerade auf dem Weg zu irgendjemand, und drohten mir überdies mit „Krieg“. Auch solche Verhaltensweisen scheinen manche offenkundig mittlerweile als einen üblichen Brauch in unseren Breiten zu erachten. Dass ich mich wie jedes Jahr dereit in meinem ausgedehnten schwedischen Winterexil befinde, führte wiederum zu Nachfragen, ob a) auch Herr Wulff schon in unserer Unterkunft genächtigt habe oder ob b) wir auf Kosten eines Herrn Maschmeyer hier logierten, bekocht womöglich von einer gewissen „Veronika“.

Ich bezweifle, dass solche Nachrichten oder Nachfragen an mich gerichtet würden, käme ich aus Oberhausen, Offenburg oder Obernkirchen oder einem anderen dieser Orte mit „O“, die kein Mensch auseinanderhalten kann. Und ich muss sagen, dass auch für mich der Rubikon des Zumutbaren nun langsam überschritten ist. Deshalb sage ich: Auch ich habe Menschenrechte! Herr Bundespräsident, beenden Sie diese unwürdigen Verwicklungen, die längst nicht mehr nur Ihre eigene Person und die Würde Ihres Amtes belasten. Dies ist der Augenblick, da es zwischen uns zum Bruch kommen muss. Herr Bundespräsident, Sie wissen, was zu tun ist!

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DISCLAIMER 1: DIES IST KEINE OFFENE RÜCKTRITTSFORDERUNG, WEIL ICH NICHT IN DEN VERDACHT GERATEN MÖCHTE, "POLITISCHES KAPITAL" AUS DIESEN VERWICKLUNGEN "SCHLAGEN" ZU WOLLEN.

DISCLAIMER 2: ANFRAGEN IN DIESER ANGELEGENHEIT RICHTEN SIE BITTE AN MEINEN ANWALT. ICH KOMMUNIZIERE MIT DER DEUTSCHEN ÖFFENTLICHKEIT NUR NOCH ÜBER MEINE ANWÄLTE.


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10 Jahre Kutter

Huch! Wenn ich heute morgen nicht einen improvisierten Geburtstagskuchen aus Milky Way-Riegeln mit zehn Partykerzen erhalten erhalten hätte, hätte ich vollkommen verpennt, dass ich heute mein zehnjähriges Blogger-Jubiläum habe!

Heute vor zehn Jahren war ich einem Hinweis des verehrten Sofa-Bloggers Peter Praschl gefolgt, hatte bei Antville einen Account eröffnet und meinen ersten Post veröffentlicht, der eher Testcharakter hatte (und den ich dann etwas später mit dem heutigen Motto dieses Blogs überschrieben habe). Im Januar ging's dann mit der regelmäßigen Befüllung los. Ich bin Antville-Blogger Nummer 347. Ich bin ein Veteran der zweiten Generation.

Im Laufe der Jahre wurde das Blog für mich ein überaus wichtiges Ausdrucks- und Austauschmittel. Es gab Jahre, in denen hat es mich vor dem Wahnsinn bewahrt. Es gab Jahre, da hatten meine Beiträge nicht nur eine ansehnliche Erscheinensdichte (es gab da mal den Claim "täglich fangfrisch, außer manchmal"), sondern durchaus auch ein ganz ansehnliches Niveau. Nicht unbedingt zu Beginn, und auch nicht unbedingt in den letzten zwei Jahren, in denen ich kaum noch dazu gekommen bin, etwas zu "kuttern" (dieser Begriff war durchaus mal ein sehr wichtiger in meinem aktiven Wortschatz).

Ich habe durch das Blog ganz erstaunliche und wunderbare Menschen kennengelernt, und einige von diesen sogar persönlich. Das beste am "Kutter" waren oft die Kommentare - und ich sage das nicht aus falscher Bescheidenheit, denn solche Kommentare bekommt man nicht einfach so. Dieses Blog war für mich immer ein Geschenk: als Ausdrucksform, deren technische Grundlagen die fabelhaften Antville-Boys einfach so für uns hingestellt hatten, aber auch als Möglichkeit, mit Menschen ins Gespräch oder ins Herumalbern zu kommen, die man sonst nie getroffen hätte.

Ich habe das Blog immer anonym betrieben, wofür es eine Weile lang gute Gründe gab, heute vermutlich eher weniger. Es gab gelegentlich Spekulationen und Recherchen, wer ich wohl sei, aber die Antwort "Niemand, den Ihr kennt" war nie kokett und nie falsch. Im Grunde bin ich die langweiligste Sau vom ganzen Internet.

Heute komme ich fast gar nicht mehr zum kuttern. Es ist nicht nur, aber auch ein Zeitproblem. Es ist vor allem aber ein Ermüdungsproblem: Muss man immer wieder die Beschissenheit der Dinge kommentieren, muss man immer wieder verspielt um die eigenen Befindlichkeiten herumtänzeln?

Das "Your Disco Needs You"-Gefühl ist auch nicht mehr so emergent. Bloggen ist heute anders als früher, und ich will gar nicht sagen, dass es früher besser war. Früher konnte ich nur mehr damit anfangen, und das liegt vermutlich mehr an mir als am Zustand der sog. Blogosphäre. Vielleicht aber auch nicht. Ich würde darüber schreiben, wenn es mich interessieren würde.

Manchmal denke ich mir, ich müsste mal wieder. Mal wieder etwas kuttern. Dann flammt hier wieder kurz was auf, und vielleicht wird es irgendwann auch wieder dauerhaft und regelmäßig sein.

Durch den Kutter gab es freundliche Angebote, anderswo attraktive Dinge zu tun. Dafür bin ich dankbar, obwohl ich die meisten Gelegenheiten habe verstreichen lassen. Auch aus einer gewissen Kraftlosigkeit heraus. Bloggen macht müde. Ich bin unendlich müde. Für's gelegentliche Twittern reicht's noch, das schafft ein halbwegs intelligenter Mensch auch im Halbschlaf oder beim Zähneputzen. Aber dieses Blog nehme ich ernster als das, was ich heute darin beitragen könnte.

In Geburtstagsansprachen kommt irgendwann immer der Ausruf: "Auf die nächsten xx Jahre!" Wird es in zehn Jahren den "Kutter" noch geben? Vielleicht nicht, vielleicht aber auch kraftvoller und schöner als je zuvor. Man weiß es nicht. Man weiß so wenig. Bis hierhin sage ich: Dankeschön. Das sollte man sowieso viel öfter sagen.

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In Joghurtgewittern —
Gefechtserfahrung im Golf-Krieg

Millionen männlicher Mitmenschen haben seit 1961 während ihres Zivildiensts sog. »wertvolle Erfahrungen« gesammelt, die sie »auf keinen Fall missen« möchten. Den meisten von ihnen wurde das allerdings erst hinterher klar. Heute nun werden in Deutschland die letzten Ersatzdienstleistenden in die Freiheit entlassen. Wie es sich für alte Zausel gehört, erzähle ich deshalb ein weiteres Mal von meinen schönsten Gefechtserlebnissen im zivilen Alltag, und aus Ermangelung eigener Enkel (oder gar Zivis!) müssen Sie nun als Publikum herhalten. Das mag Ihnen ungerecht erscheinen, aber meine damalige Kundschaft konnte sich mich auch nicht aussuchen.

Auf einmal ging alles sehr schnell. Der junge Kollege Bessmann hatte gerade den Wagen an der roten Ampel gestoppt, als sich plötzlich die Türen des vor uns stehenden Golfs öffneten. Zwei junge Männer sprangen heraus. Ich wusste gleich, was passieren würde.
   »Los, Zentralverriegelung!«, rief ich. Hektisch griff ich nach hinten und kramte im Rückraum des Wagens. Die Männer standen bereits vor uns. Sie holten aus und warfen zwei Yoghurt-Packungen auf unsere Windschutzscheibe, die sogleich zerplatzten.
   »Die Arschlöcher«, schrie Bessmann und schaltete den Scheibenwischer ein, der den Kleister kreuz und quer über die Scheibe schmierte. Als wir endlich wieder etwas erkennen konnten, waren die Angreifer längst wieder in ihren Wagen gesprungen und losgefahren. Die Ampel stand auf grün. Alle fuhren, bloß wir nicht. Ich hatte derweil gefunden, wonach ich gesucht hatte.
   »Hab' einen«, rief ich, »Bessmann, gib Gas!«

Bessmann ließ die Reifen quitschen. Es ging rauf auf die Hochstraße, und jetzt zahlte sich endlich einmal aus, dass wir die Überlandtour fuhren: Die Tour war unbeliebt, weil sie länger war als alle anderen, aber dafür hatten wir den Turbo-Diesel. Bessmann überholte spielend, während ich das Beifahrerfenster herunterkurbelte. Nur einen Augenblick später zerbarst ein Schoko-Pudding von Puddis, einer Marke, die wir seltsamerweise immer in kyrilischer Beschriftung geliefert bekamen, oben links auf der Windschutzscheibe des gegnerischen Golfs. Ein zweiter klatschte auf die Essen auf Rädern-Werbetafel.
   »Ja, noch einen!«, rief Bessmann, dessen Laune sich augenblicklich gebessert hatte.
   »Nix, wir hauen ab«, beschied ich, zufrieden mein Werk im Rückspiegel betrachtend. Schließlich wurde ich gern als Stimme der Vernunft den eher unverlässigen Fahrern zugeteilt. Aufgrund meines gesetzten Alters und eines abgeschlossenen Universitätsstudiums galt ich als Respektsperson. Die Kollegen im Golf hatten genug, entschied ich.

Wegen eines angeblichen Nierenschadens, den außer dem Kreiswehrersatzamt niemand (und später auch dieses selbst nicht mehr) wiederfinden konnte, gelangte ich erst mit etlichen Jahren Verspätung als Zivildienstleistender zu Essen auf Rädern. Was ich nicht wusste: Diese ruhmreiche Einrichtung, die sich den konsequenten Vitaminentzug unserer greisen Bevölkerung mittels Lieferung erkalteter Speisen auf die Fahnen geschrieben hat, ist die erste Anlaufstelle für die Autonarren (vulgo: die Bekloppten) unter den Kasernatsverweigerern. Was die einschlägigen, gewissen Gewissensgründe betrifft, die glaubhaft herangeführt werden mussten, um die Berechtigung für das Privileg eines extralangen Zwangsdienstes bescheinigt zu bekommen, bewiesen die Essenausfahrer jeden Tag aufs neue, dass sie keine moralischen Probleme damit hätten, mit einem Panzer ganze Dörfer plattzuwalzen, und seien es bewohnte. Eine These, die sich durch die eindrucksvolle innerbetriebliche Unfallstatistik jederzeit belegen ließ, von den Yoghurt-Schlachten auf offener Straße ganz zu schweigen. Diese wurden meist mit der kommerziellen Konkurrenz ausgetragen, doch manch ein Kollege geriet auch schon mal in »friendly fire«.

Vom Dienststellenleiter wurde ich nicht nur schnell als dufte Respektsperson, sondern auch als Intellektueller ausgemacht, was bedeutete, dass ich gelegentlich die festangestellten Kolleginnen im Büro unterstützen durfte. Dort beruhigte ich nicht nur alte Damen am Telefon, die sich Sorgen wegen der kyrillischen Zeichen auf dem Nachtisch machten (»Nein, Frau Wöhler, der Russe ist nicht da. Noch nicht!«), sondern nahm auch die regelmäßigen Beschwerden aufgebrachter Verkehrsteilnehmer entgegen und versprach, die gemeldeten Übeltäter (»ich wiederhole noch einmal das Kennzeichen, das Sie mir genannt haben, damit wir auch ja den richtigen erwischen!«) einer gerechten und vor allem harten Strafe zuzuführen. Erst der fortgesetzte Verzicht hierauf freilich begründete meinen Status als Respektsperson — dies und die Tatsache, dass ich den Schlüssel für die Tiefkühlkammer verwaltete, in der verbotene Extraportionen lockten sowie streng wissenschaftliche Panik-Experimente durchgeführt werden konnten.

Meine Golf-Kriegserlebnisse hatte ich beinahe vergessen, als ich vor einiger Zeit bei einem gesellschaftlichen Ereignis mittlerer Tragweite von einem Offizier der Reserve, der sich außerhalb der Kriegszeiten als hochrangiges Mitglied der deutschen Rechtsprechung durchschlagen muss, schneidig gefragt wurde, ob ich denn wohl jedient hätte. »Selbstverständlich«, antwortete ich zackig, »bei Essen auf Rädern!« Der damalige OLG-Präsident machte auf dem Absatz kehrt und würdigte mich keines weiteren Blickes. Ich bezweifle allerdings, dass seine Gefechtserfahrung nennenswert an meine heranreicht.

Heute nun werden in Deutschland die letzten Zivildienstleistenden in die Freiheit entlassen. Und die Frage muss erlaubt sein: Wie kann man das alles kommenden Generationen bloß vorenthalten?

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Kutter lässt einen twittern:
NFL 2011 Sonderedition

Während der Nordischen Filmtage 2011 trat Hannover 96 zu einem Europapokal-Spiel im Parken-Stadion beim FC Kopenhagen an. Besucht werden musste beides.

Nächste Woche wieder Nordische Filmtage Lübeck. Werde kaum zum Filmegucken kommen. Kenne diesmal auch fast nix vorab. Bleibt nur der Alkohol

Ob dieses Jahr vielleicht noch ein zweiter Twitterer auf den Nordischen Filmtagen ist? Dann könnten wir einen Hashtag verabreden: #nfl11

Auf dem Weg zu den Nordischen Filmtagen mit a) Erkältung, b) Rückenschmerzen, c) Nackenverspannung. Hallo Galenus-Apotheke, bis nachher!

Werde wegen Reise- und Partytätigkeit bei den diesjährigen Nordischen Filmtagen höchstens vier Slots schaffen. Minimalismus, Baby! #nfl11

Es heißt ja, im Kino schlafen hieße dem Film vertrauen. Gar nicht erst ins Kino zu gehen wäre demnach die reinste Form des Vertrauens #nfl11

Ich vertraue dem skandinavischen Film. Notgedrungen. #nfl11

Ach so, Filmtage: Der Eröffnungsfilm war "Happy, happy" aus Norwegen. Eine Zwei-Ehen-Komplikations/Konstellations-Klamotte. #nfl11

"Happy, happy" könnte aber auf meinen eigenen Filmfestival laufen, das ich gerade plane. Es heißt: "Filme mit Schnee". #nfl11

"Happy, happy" hatte einige Lacher, insbesondere wenn deutsch gesprochen wurde. Nett, leider nicht mehr. Einer sagte: Bergmann light. #nfl11

C-Tribüne ruft "Westtribüne". D-Tribüne antwortet. Gestern im Parken-Stadion war es wie zuhause. Nur lauter. #h96

Das 2:1 gegen Kopenhagen war mit einem Mal ein Spiel mit schönster Wham bam, thank you mam-Dramaturgie. #h96

Kopenhagen: Den Drei-Punkte-Plan "Hinfahren, weghauen, zurückfahren" erfolgreich umgesetzt. Die Stadion-Ordner hinterher: "Please go." #h96

Nur wenig tue ich lieber als im Cafe Norden im 1. Stock ganz hinten links im Fenster zu sitzen. #københavn

Ich gebe zu, das Norden mag ich lieber als das Europa. #københavn

"Im Zweifel für den Zweifel" hören und dabei drei Punkte nach Hause fahren. #h96

Filmtage: Tue jetzt so, als würde ich "Jeg reiser alene" gucken. In Wirklichkeit schwänze ich aber & gehe zu Bei Ulla. Dann Schuppen. #nfl11

"Jeg reiser alene": ein harmloser Mix aus "Drei Männer + 1 Baby", "Hangover" und "Coq au vin" auf Norwegisch. #nfl11

"Jeg reiser alene": Als Quasi-Nachfolger von "Der Mann, der Yngve liebte" enttäuschend, weil Sturm, Drang und Verzweiflung fehlen. #nfl11

Sorry, hier gehen die Fußball- und Filmtage-Tweets gerade munter durcheinander. Keine Sorge, schon Montag herrscht wieder normale Tristesse.

Wie die Filmschuppenparty war? Ich habe heute morgen wieder meine Barry-White-Stimme. #nfl11

Sie haben mich gezwungen, zu Roxette zu tanzen. Ich fühle mich so benutzt. #nfl11

Schuppenparty: Die ganze Nacht haben mir Menschen Getränke in die Hand gedrückt, und jetzt hab ICH die Last damit! Unfair. #hangover #nfl11

Der Film, den ich jetzt sehe, trägt den schönen Titel Pussikaljaelokuva. Deutscher Titel: Tütenbierfilm. Damit kriegt man mich immer. #nfl11

Das (deutsche) Publikum finnischer Filme sieht immer besonders furchterregend aus. Hartgekochte Eier Halleluja! #nfl11

Pussikaljaelokuva: ich mag Slackerfilme, in denen viel und ziellos vor sich hingeredet wird. Dieser ist leider so lame wie seine Protagonisten. #nfl11


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Abstimmungsberechtigte griechische Marktteilnehmer

Die Aufregung »der Märkte« über den erstaunlichen Umstand, dass in einem demokratischen Staat inmitten der Europäischen Union das Volk über eine Angelegenheit von zentraler Bedeutung abstimmen soll, ja, dass man es abstimmen lässt, zeigt nicht nur, dass der Primat des Politischen gegen den Primat des Ökonomischen ins Hintertreffen gerät, wie Frank Schirrmacher heute in der FAZ schreibt. Die Aufregung zeigt auch, dass »die Märkte« das Vertrauen in ihre eigenen Glaubenslehren verloren zu haben scheinen. Jene, die schon immer meinten, das ganze soziale Leben lasse sich letztlich immer auch als ein Geflecht von Marktkonstellationen beschreiben, die sich durch bloße Interaktion konstituierten und sich letztlich alle vernünftig selbst regelten, gehen - das scheinen die Kurse abzubilden - derzeit davon aus, dass eine Ablehung des für die Griechen geschnürten Rettungspakets durch eben jene Griechen zumindest denkbar, womöglich wahrscheinlich ist. Aber auch die abstimmungsberechtigten griechischen Staatsbürger sind nach der reinen Lehre letztlich homines oeconomici, handelnde Menschen und damit Marktteilnehmer, die informierte, rationale Entscheidungen treffen. Und wenn denn die Lehre der effizienten Märkte stimmt, nach der alle Marktteilnehmer immer rational und auf der Basis gleicher Informationen agieren, dann sollte man sich eigentlich sehr entspannt zurücklehnen können und darauf vertrauen, dass die Millionen griechischen Marktteilnehmer letztlich eine informierte und rationale, ja man könnte direkt sagen: richtige Entscheidung treffen werden. Die mythenumrankte, vielberaunte »unsichtbare Hand« wird's schon richten. Welche Entscheidung dies sein wird, werden wir dann ja sehen. Eigentlich unzumutbar ― für all jene, die meinen, sie wüssten es besser.

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Lübeck-Visite mit Lücken

Auch in diesem Jahr treffen Sie mich in der ersten Novemberwoche bei den Nordischen Filmtagen Lübeck (außer zwischen Donnerstag mittag und Freitag nachmittag, da bin ich mal kurz rüber nach Kopenhagen; wieso, können Sie Donnerstag abend ab 19 Uhr auf Sat.1 verfolgen).

Wenn ich wieder so in Stimmung sein sollte wie letztes Jahr, werde ich unter @derkutter ein wenig über die Filmtage twittern. Realistisch betrachtet werde ich dieses Jahr allerdings wahrscheinlich an fünf Tagen höchstens vier Vorstellungen schaffen. (Das ist ein historischer Tiefstwert, nur unterboten von meiner Berlinale-Visite 2004: null Filme, eine Party, ein Absturz in der Hotelbar, eine Beinahe-Abmahung wegen der Kostenabrechnung für die Suite im Mandala (damals Madison) am Potsdamer Platz.) Die sehr lückenhafte Lübeckpräsenz ist schade, denn das NFL-Programm finde ich in diesem Jahr besonders vielversprechend. Deshalb wäre es schön, wenn ich in diesem Jahr nicht wieder der einzige Twitterer auf den Filmtagen wäre. Wir treffen uns unter dem Hashtag #nfl11!

FRÜHERE NFL-BERICHTERSTATTUNG BEI DICHTHEIT & WAHRUNG:

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instant entities, vol. 7



Wie die etablierte Politik auf den überraschenden Wahlerfolg der Piratenpartei reagiert, zeigte die CDU-geführte niedersächsische Landesregierung, die gestern »die Vorbereitung einer Meeresstrategie für die Nordsee beschlossen« hat.

Wäre ja wohl noch schöner, wenn man als langjähriges Küstenland die Seehoheit über den Stammtischen ausgerechnet irgendwelchen nautischen Newcomern überlassen würde, die den ganzen Tag lang bloß über See-LAN Schiffeversenken spielen!

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instant entities, vol. 6



Er schloss die Augen, und sogleich huschte ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht.

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instant entities, vol. 5



Zwei Dinge braucht es laut Lenin zum Kommunismus: »Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.« Demzufolge hätte man das ganze Land auch ebenso gut Elektro-Union nennen können, hatte sich dann aber doch für Sowjetunion entschieden. Wir wollen das hier nicht weiter hinterfragen.

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instant entities, vol. 4



»Es fährt ein Zug nach Nirgendwo« (Chr. Anders). Man kann aber auch die Autobahn nach Lübeck nehmen.

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instant entities, vol. 3



Verdrängung ist, was uns über Wasser hält. Die Schraube ist's, die uns nach vorne treibt.

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instant entities, vol. 2



Die Sicherheit Deutschlands wird weiterhin am Hindukusch verteidigt. Deutsche Leben rettet die dazugehörige Gesellschaft derweil an den heimischen Küstenlinien.

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instant entities, vol. 1



Die Rettung der Seelen ist eine zu ernste Angelegenheit, als dass sie auf die Standstreifen der Autobahnen begrenzt bleiben dürfte.

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Das Trümmerkleid des Kapitalismus

Klicken zum Vergrößern: Don Rosa, Attack of the Hideous Space Varmints / Reisende durch die Ewigkeit. In: Onkel Dagobert, Bd. 20. Stuttgart: Ehapa, 1999. (Erst-VÖ 1997)
(klicken zum vergrößern)

Don Rosa, Attack of the Hideous Space Varmints / Reisende durch die Ewigkeit. In: Onkel Dagobert, Bd. 20. Stuttgart: Ehapa, 1999. (Erst-VÖ 1997) (Bildquelle)

Vor der Finanzkrise brauchte es noch Terroristen, um ein unerschütterlich erscheinendes Symbol des weltweiten Finanzkapitalismus wie das World Trade Center zu zerstören. Mittlerweile schafft der Kapitalismus das auch selbst. Das fiktive Geld aus Derivaten und Leveraging hat die alten Geldspeicher, die die Banken einmal waren, mit einem Energiefeld umgeben, das sie unkontrollierbar gemacht hat. Dass die Geldspeicher verrückt spielen, das zeigen uns die Lehman-Brüder, diverse Rettungsschirme und Schuldenkrisen. Ob die Kunst gut beraten wäre, nun das Trümmerkleid des Kapitalismus aufzutragen, wäre eine ganz andere Frage.

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Im Zentrum des Textes ist es ruhig.

Über eine statistische Anomalie an einem 11. September vor zehn Jahren

Es war der Tag, vor dem alles so gewesen war, wie es war.

Ich saß, vermutlich wie üblich etwas vornübergebeugt, an meinem Schreibtisch. Es waren fünf wichtige oder zumindest dringende Texte zu schreiben, am Abend hatten sie fertig zu sein, es gab nichts, was diese Deadline verschieben konnte. Es war ruhig im Büro, niemand rief an, weil niemand sich traute. Der muss jetzt erstmal die Texte fertig machen. Wenn der seine Texte fertig hat, kann man wieder mit ihm reden.

Als mein Telefon klingelte, waren noch vier Texte zu schreiben. Eine Kollegin sagte, ich müsse sofort den Fernseher einschalten, ein Flugzeug sei in das World Trade Center geflogen. Sie klang nicht aufgeregt, eher erstaunt.

Warum sie mich anrief, war natürlich klar. Der einzige Fernseher im Gebäude stand in meinem Büro. Ein Privileg, das nicht immer nur ein Vorteil war und das mir gewährt wurde, weil man dachte, es wäre gut, wenn ich mitbekäme, was in der Welt so los ist. Es stand sogar ein Videorekorder daneben, den ich noch nie eingeschaltet hatte. Die einzige Videokassette in meinem Büro hatte mein Vorgänger aufgenommen.

Ein Flugzeug, das in das World Trade Center geflogen war. Das versprach Bilder, die mir in den Abendnachrichten bestimmt auffallen würden, falls ich bis dahin mit den Texten fertig sein sollte. Ich bin kein mitleidloser Mensch, ich weine sogar gelegentlich im Kino. Aber immerzu gab es diese Zugunglücke und Flugzeugsabstürze und Seilbahnrisse und Wirbelstürme und Tunnelbrände und Hochwasser und Attentate. Das Flugzeug, das in das World Trade Center geflogen war, würde nun in diesen nie versiegenden Strom von Katastrophenbildern, den wir Zeitgeschichte nennen, einfließen. Aber das Leben wird nicht besser und die Schrecken, die das Leben bereitet, werden nicht kleiner, wenn man sich diese verwackelten grobkörnigen Ereignisse auch noch live anschaut. Nach den Abendnachrichten würde es bestimmt eine Sondersendung geben, die mich über alles notwendige in Kenntnis setzen würde, und am Jahresende würde ich mich bei einem der zahllosen Jahresrückblicke vielleicht sogar an sie erinnern.

Die letzte große Live-Katastrophe, die mir in den Sinn kam, war das Zugunglück von Eschede. Der deutsche Lokalreporter, der die Hubschrauberbilder für CNN per Telefon kommentiert hatte, hieß Michael Ende. Jemand erklärte, Eschede würde »das Vietnam-Trauma des deutschen Rettungswesens« werden. Am Tag nach dem Unglück wurden mir auf einem Supermarkt-Parkplatz in Schleswig seltsame Betroffenheitsbekundungen entgegengebracht, weil ich aus einem Auto mit Celler Kennzeichen stieg, das mir nicht einmal gehörte. Mitgefühl schien eine beliebig abrufbare Ressource zu sein, die sich mehr auf das eigene Sensationsempfinden als auf das eigentliche Unglück zu richten schien.

Ich erinnerte mich daran, dass vor ein paar Jahren in den Niederlanden ein Flugzeug in einen Vorort gestürzt war. Nach dem »heute journal« mit spektakulären Bildern vom blaulichtblinkenden Chaos am Unglücksort zeigte das ZDF programmgemäß einen mittelmäßigen Zeitreise-Film. Er beginnt mit einem Flugzeugabsturz in ein Wohngebiet. »Wer war der erste am Unfallort?«, fragte ein Ermittler. »Der Pilot«, antwortete ein anderer. In diesem Moment wussten mindestens zwei Bedienstete des ZDF, dass sie am nächsten Morgen ein unangenehmes Gespräch miteinander führen würden.

Um am nächsten Morgen nicht selbst ein unangenehmes Gespräch führen zu müssen, schaltete ich den Fernseher nicht ein, sondern begann die Arbeit am nächsten Text. Die Institution, für die ich regelmäßig arbeitete und gelegentlich schrieb, hatte mich mit der Leitung einer kleinen Entität betraut, die im Organigramm etwas abseits vom Rest der lotrecht aufgehängten Kästchen schwebte und etwas mysteriös mit einem einzelnen Buchstaben aus der zweiten Hälfte des Alphabets bezeichnet war. Wenn mich jemand fragte, was ich beruflich trieb, sagte ich, ich arbeitete für die Regierung. In gewisser Weise war das nicht falsch. Ich hatte mir abgewöhnt, die Wahrheit zu sagen, und ich hatte mir abgewöhnt zu lügen. Ich sprach überhaupt nicht allzu viel, und ich benutzte viele Worte, um darüber hinwegzutäuschen.

Die Kollegin rief wieder an. Ob ich meinen Fernseher endlich eingeschaltet hätte. Es sei gerade noch ein zweites Flugzeug eingeschlagen. In den anderen Turm. Ich rief mir das World Trade Center vor Augen. Richtig, zwei Türme. In »Die drei Tage des Condors« hatten sie geschimmert wie eine Kathedrale. Ich dachte an khlav kalash.

Das zweite Flugzeug. Dies ist der Moment, von dem jeder meiner Kollegen, meiner Freunde, all der klugen Menschen, mit denen ich zur Interaktion verdammt bin, sagt, da habe er gleich gewusst, was die Stunde geschlagen hat: Das bedeutet Krieg. Eine neue Weltordnung. Clash der Zivilisationen. Christen gegen Muslime. Asymmetrische Bedrohungslagen, Erschütterungen der geostrategischen Tiefentektonik. Krieg gegen den Terror, der neue heiße kalte Krieg. So sind sie, die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Sie sind nicht doof. Sie wissen sofort Bescheid, und sie finden für alles einen Kontext.

Alles, was ich in diesem Moment dachte, war: »Mein Gott, zwei Flugzeuge, zwei Türme, wie statistisch unwahrscheinlich ist das denn bitte?« Mit Unwillen registrierte ich, wie meine Neugier wuchs. Dieser Vorfall war nicht nur als statistische Anomalie auffällig. Das hatte emblematisches Potential. Ich könnte das vielleicht in den Texten verwenden.

Menschen standen in meiner Tür und fragten, ob sie den Fernseher einschalten dürften. Ich kannte das schon, einige von ihnen schauten sich auch ausgewählte Sportereignisse in meinem Büro an. Mich störte das nicht. Solange ich nicht reden muss, kann ich auch schreiben. Offenbar liefen nun auf allen Kanälen Live-Bilder vom Unglücksort, die sich endlos mit Aufzeichnungsschnippseln der Flugzeugeinschläge abwechselten und mit staunendem Entsetzen von den Umstehenden kommentiert wurden. Gelegentlich schwoll abrupt ein Raunen an und ab wie im Stadion. Das Büro wurde immer voller, verschiedene Gesprächsfetzen krallten sich aneinander. Es wurde lauter. Ich arbeitete im Text. Im Zentrum des Textes ist es immer ruhig.

Zwischen den Schultern und Köpfen der anderen flimmerte der Fernsehschirm, und als ich kurz aufschaute, erkannte ich einen dunklen Punkt, der aus dem Hochhaus stürzte und dabei seinen Umriss veränderte. Einige Kollegen stöhnten wie unter Schmerzen auf. Wir wussten noch nicht, dass dies der Tag vor dem Tag war, an dem die Redewendung »jemand in den Türmen verloren haben« in unseren Sprachschatz einging. Ich schrieb den letzten Text fertig und ging nach Hause. Ich verpasse keine Deadlines.

Am Abend erreichte mich meine Mutter am Telefon. Sie hatte sich Sorgen gemacht und war froh, mich zu hören. Ich war verwirrt. Was hätte mir passieren sollen? Im Fernsehen hörte ich verschiedene Variationen des Satzes, nichts würde nach diesem Tag mehr so sein wie es war. Aber wie war es eigentlich? Wie war es bis zu diesem Tag gewesen? Ich versuchte, mir darüber klar zu werden. Ich wusste es nicht. So war es immer, und ich befürchtete, dass es auch nach diesem Tag so bleiben würde.

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