Dichtheit & Wahrung. Hervorgegangen aus Der Kutter. Verdrängung ist, was uns über Wasser hält. http://kutter.antville.org/
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I am a lonesome cowboy

Mit Empörung stelle ich fest, dass ich entgegen meiner Prinzipien die Brötchen immer häufiger beim Selbstbedienungsbäcker kaufe und damit weitere Arbeitsplätze im Backwarenhandel fahrlässig gefährde. Bloß, um mit niemand mehr sprechen zu müssen.

Eigene empirische Untersuchungen haben ergeben, dass man ein Zugabteil, das man für sich allein besetzt hält, gegen Neueinsteiger recht gut dadurch verteidigen kann, dass man sich den großen Kopfhörer aufsetzt. Als noch effektivere Abwehrstrategie hat sich jedoch herausgestellt, allen suchenden Blickes den Gang heruntertrippelnden Waggon-Invasoren durch die gläserne Abteiltür einfach ins Gesicht zu schauen: Sofort werden sie Ihren Blick abwenden und weiterziehen. Was sagt uns das über das menschliche Zusammenleben in unserer Zeit? Die Kombination: Kopfhörer und Blickkontakt wiederum ist die Killer App schlechthin. Zusteigewahrscheinlichkeit bei Normalauslastung: lächerliche 7 Prozent.

Die Varianten »Klamotten quer im Abteil verteilen« und »Schuhe ausziehen und Füße hochlegen« scheiden wegen Verstoßes gegen Fair Play sowie wegen mangelnden Stils und grober Ungehörigkeit selbstredend aus.

Nachtrag 16.10.: Deutlich sichtbar Norbert Gstreins »Das Handwerk des Tötens« lesen sendet offenbar auch nicht gerade einladende Signale aus.






gHack  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 20:56
Burroughs hat das im Basar gemacht, wenn er nicht genervt werden wollte: Hat einfach potentielle Nerver schneller angestarrt, als diese ihn anstarren konnte. Wirkt.


 
kutter  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:04
Einerseits naheliegend, andererseits kostet es Überwindung, Blickkontakt gerade dann herzustellen, wenn man ganz bei sich sein möchte. Was, wie ich einräume, ein etwas vermessener Wunsch ist, wenn man ausgerechnet den Zug als Beförderungsmittel gewählt hat.







the frank  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 20:59
großzügig raumgreifend die mitgebrachte hannover 96-fahne zu schwenken, stelle ich mir ebenfalls recht wirkungsvoll vor.


 
kutter  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:05
Vermutlich ja. Fällt aber ebenfalls aus wegen Fair Play.







issis  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:08
sie haben recht..
meist ziehen invasoren weiter, wenn man ihnen ins gesicht schaut. etwas unsportlich, aber auch wirkungsvoll: ein abteil für sich alleine suchen und vorhang zu. die leute trauen sich nicht herein. hatte mal ein abteil für mich und als ich mal aus dem abteil lugte, hockten die "anderen" am gang.


 
kutter  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:10
Rote Karte. Vier Züge Sperre.







schmerles  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:14
Das interessanteste beim Reisen mit der Bahn
sind doch gerade die Leute, die man treffen kann. Im Auto sitzt man allein.







supatyp  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:34
erst ga nich zug fahrn
im auto sind nur die, die ich will


 
the frank  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:39
ja schon. aber selbst als beifahrer kann man sich nicht wirklich der lektüre der tagespresse widmen. zum entfalten der meisten zeitungen braucht man schon ein großraumabteil.


 
kutter  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:42
das problem sind die straßen, freunde, straßen, die man nicht davon freisprechen kann, ebenfalls voll von anderen verkehrsteilnehmen zu sein. und die benehmen sich deutlich schlechter als abteilinsassen.


 
katatonik  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:44
womit Sie die katatonische raumgreifstrategie angesprochen hätten: hinsetzen, riesenzeitung auspacken, teile davon auf mindestens einem nebensitz ablegen (bzw. am sitz gegenüber wg. sicherung der beinfreiheit), rest auffalten und vors gesicht damit. gelegentlich resolut und geräuschvoll umblättern, um willenskraft und konzentration zu demonstrieren (im großraumwagen nur, natürlich, sonst überflüssig).

wie ist das denn in der selbstbedienungsbäckerei, herr kutter, gibt's da auch kassaschlangen?


 
gHack  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:46
Jetzt verstehe ich!
Es gibt ja gar keine Abteile mehr. Ergo geht es darum, dass ein gewisser dekadenter Kutterkapitän einen ganzen ICE-Grossraumwagen für sich allein will, um in Ruhe selbstverfasste Mehdornwitze mit dem mitgebrachten Megaphon deklamieren zu können! Ich kenne Sie doch, mein Herr!


 
kutter  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:48
@katatonik: Gelegentlich. Aber so mürrisch, wie ich morgens aussehe, spricht mich keiner an. Zumal ich zuvor bereits die meisten Selbstbedienerungsbäckereimiteinkäufer mit der Greifzange bedroht habe.
@hack: Sie kennen mich nur zu gut, herr hack, nur zu gut, aber leider nicht die Züge, mit denen ich üblicherweise fahre. Einen ICE kennt man in Schwerin nur aus dem Fernseh.


 
gHack  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:48
Oder, Ms. K.,
den zufällig mitgebrachten Hack auf den umliegenden Sitzen verteilen! Das funktioniert immer! Deshalb sollten Sie auch immer einen Hack dabei haben :)


 
katatonik  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 22:13
Hab ich doch, Mr. gH., hab ich doch. Nur verteile ich ihn ungern und entferne ihn auch nicht von mir.


 
gHack  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 22:20
Ich muss mich da erst, äh, sammeln.







MH  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:46
"Schreber

Der Sitzplatz ist im öffentlichen Verkehrsmittel Zug das Reich des Privaten. Der Reisende verteidigt seinen Sitzplatz wie der Schrebergärtner sein Gut. Und wie der Schrebergärtner versucht der Reisende durch optische und organisatorische Tricks den Nachbarn möglichst von sich fernzuhalten. Was dem Schrebergärtner der Zaun ist, der ihm durch vertikale Begrünung mehr Gartenfläche verschafft, ist dem Zugreisenden sein Gepäck, mit dem er sich eine Grenze, ein Reich und durch halblegales Belegen der Nachbarplätze mehr Platz verschafft als ihm von seinem Fahrschein zugestanden wird. Im öffentlichen Verkehrsmittel privat zu reisen ist die hohe Kunst des Spießbürgertums, der verzweifelte Versuch, in der totalen Offenheit und Verwundbarkeit des Abteil- oder Großraumwagens ein Heim zu schaffen. Die Schrebergärtnerei ist ja selbst ein Ergebnis der Ausbreitung der Bahn. Denn als schienennahes Land durch die ständig schneller und lauter werdenden Züge für den Wohnungsbau und alle andere Nutzung unattraktiv wurde, warf man das solcherart freigewordene Gelände zu Schleuderpreisen den Proleten zu, die Bürger sein wollten. In den parzellierten Gärtchen erholte sich der Schaffer vom 12-, 10-, 8-Stunden-Tag und schuf sich als echter Arbeiteraristokrat sein Kleinreich des schlechten Geschmacks. Was immer die echten Bürger sagen mochten, schön war es doch. Und noch heute wird auf vielen Schrebergärten eine Flagge gehißt. Während auf den Schienen die bewegten Schrebergärtner vorbeigleiten, die sich mit ihrem Gepäck neben ihren reservierten Sitzplätzen unbegrünte Gartenzäune geschaffen haben, sitzen die statischen Bahnreisenden hinterm Maschendrahtzaun beim Bier.

Wenn Sie mich in der Bahn treffen, nehmen Sie es bitte nicht persönlich. Ich nehme mein Gepäck immer erst auf Anfrage vom Nebensitz."

Quelle bei Bedarf.


 
kutter  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:55
Na, jetzt aber. Zieren Sie sich nicht so, hier is Internetz!


 
bov  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 22:13
Da ist aus dem eh sehr guten Bahnbuch von Herrn MH.

1 Tipp, um Nebensitz freizuhalten: Bildzeitung auf Nebensitz legen, darauf die angebrochene Wodkaflasche (in der natürlich nur das allfällige Reisetrinkwasser ist.) Man wird selten gebeten, das wegzunehmen. Ist auch vom Fairplayfaktor her okay, weil man ja die Leute bei ihrem Dünkel packt. Mentales Sitzfreihaltungsjudo sozusagen.


 
seewolf  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 22:29
Ganz fix ohne Trix
einfach lebhaftes Vorschulkind dabei haben, hilft eigentlich immer, selbst die Haudegen vom Militär ziehn dann weiter.


 
bov  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 22:31
Aber, Herr Seewolf, die Kunst ist doch, den Sitz freizuhalten, ohne selbst wahnsinnig zu werden.


 
seewolf  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 22:44
Ach na ja
man muß sich drauf einlassen, etwas vorlesen, etwas malen, Memory (da wird Erwachsenen gezeigt, daß sie abbauen), dann hört das Kind Kassette und man kann wahlweise über der "Brigitte" oder der c't einschlafen.


 
gHack  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 22:45
Die ct _ist_ die "Brigitte" des Mannes.


 
seewolf  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 22:47
Ach.com Sie
die "Byte" gibts nun mal nich mehr.


 
the frank  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 22:47
ct ist die business vogue des mannes. brigitte des mannes bleibt immer noch die computer bild.


 
seewolf  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 22:51
Computerbild
is vleicht "Bild der Frau", sind Sie sicher, daß Sie die "Brigitte" schon mal gelesen haben!?


 
the frank  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 22:53
meine mutter hatte die abonniert. ist wohl schon 15 jahre her...


 
gHack  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 23:06
Der Vergleich ist gar nicht so schlecht. Scripts und Strickmuster, Habitus antrainieren und bestätigen, Lebenshilfe und Rechner debuggen, Gesundheit und Computerviren. Unterschied ist marginal.


 
TJungbluth  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 23:08
Das macht nix
Bei ...BILD ändert sich über Jahre nicht so viel. Und bei den anderen auch nicht. c't is aus nem Telefonbuchverlag. Dieser Charme bleibt, da hilft auch Redesign nix.


 
gHack  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 23:13
Die CT wird doch von Hannoveraner Gnomen mit TeX-Version 0.01 gesetzt.







tim  |  Mittwoch, 15. Oktober 2003, 23:03
S-Bahn fahn (und zwar zur Uni)
Entweder sie ist rammelvoll mit Erstsemesterinnen der Rehabilitationspädagogik (Jetzt ganz neu! Mit Arschsack! HDGDL!) oder sie kommt erst gar nicht. Auf drei 2-Minuten-Fahrten zu Uni diese Woche mit einer S-Bahn im 20-Minuten-Takt habe ich schon 52 Minuten Lebenszeit und 10 Grad Körpertemperatur verloren.


 
jochenausberlin  |  Donnerstag, 16. Oktober 2003, 10:21
danke, kutter und alle. thread des tages.


 
kutter  |  Donnerstag, 16. Oktober 2003, 11:42
das ist schon erstaunlich. eigentlich will man nur seinen akuten kommunikationsekel spazieren führen, und schon tritt man eine fröhliche, in alle richtungen driftende diskussion, sprich: kommunikation los. ja, so ist internetz, freunde. willkommen in meinem abteil!


 
supatyp  |  Donnerstag, 16. Oktober 2003, 11:45
ja nee
es ist ja auch die nette beobachtung, die story die jeder kennt und das gefälle zwischen banalität (des erlebten) und präsentation (www). wenn diese chemie alles stimmt, dann knallts bei antville. wie gezz grade







peettheengineer  |  Sonntag, 19. Oktober 2003, 11:59
Loneliness Hacker
Es gibt aber auch noch Leute, die gezielt alle Allein-sein-woller hacken und trotzdem in das Abteil eindringen. In der Regel sind dies ältere Herren in der Region der 60zig plus.


 
f.f.  |  Montag, 20. Oktober 2003, 19:44
noch einer:
Werknachmittags in Hannover in die S-Bahn steigen um nach Walsrode zu fahren. In Bennemühlen (?) in den RE umsteigen müssen und erst jetzt feststellen, dass dieser erst eine Stunde später seine Fahrt fortsetzt. 45 Min. garantierte Einsamkeit (Zugführer will auch seine Ruhe haben und lässt sich höchstens von weitem einmal blicken)... Sollte sich ein gleichfalls unwissender und überraschter Fahrgast nähern, wird er sowieso einen der anderen freien Wagen wählen. Welch ein Luxus...!


 
kutter  |  Montag, 20. Oktober 2003, 23:11
Sie
gehen dahin, wo's weh tut! Verwegene Route, die Sie da bereisen.







zitterwolf  |  Montag, 20. Oktober 2003, 23:14
wenn ich im abteil sitz
setzt sich da nie eina rein







MH  |  Montag, 20. Oktober 2003, 23:22
Executive Class
Dann einmal ICE 2 von Frankfurt nach Stuttgart, 1. Klasse, ein ganzer Abteilwagen für dich, die Ledersitze so glatt, dass man runterrutscht, die Klimaanlage läuft auf zu hohen Touren - und du weisst, was Einsamkeit ist.


 
kutter  |  Montag, 20. Oktober 2003, 23:25
In der 1. Klasse wünscht man sich die Einsamkeit meist noch stärker als in der 2., und meist vergeblich, und gäbe es eine Steigerung von vergeblich, würde ich anfügen: noch vergeblicher.













Hier schreibt der Kutter.


 

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