Dichtheit & Wahrung. Hervorgegangen aus Der Kutter. Verdrängung ist, was uns über Wasser hält. http://kutter.antville.org/
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Interview mit mir selbst

Kutter: Herr Kutter, ein Interview mit sich selbst: Wozu soll das jetzt wieder gut sein?
Kutter: Wir lesen gern Interviews, überall stehen Interviews, es gibt sogar eine Zeitschrift, die nur aus Interviews besteht, und ab morgen kommt noch eine zweite dazu. Aber je mehr Interviews es gibt, desto langweiliger werden sie — wie Talk Shows. Wie oft freuen wir uns auf ein Interview, weil uns der Interviewte recht interessant erscheint, und dann gibt er nur langweilige Platitüden von sich! Dann sagt man sich: das könnte ich aber besser!
Und? Können Sie's?
Vermutlich nicht.
Trotzdem wollen Sie sich jetzt künftig öfter selbst interviewen.
Ein Weblog ist ohnehin ein Selbstgespräch. Dann lieber gleich richtig: Interview der Woche, diesmal mit Kutter. — Was? Hatten wir den nicht schon letzte Woche? — Na und? Haben wir einen besseren? — Na gut.
Wöchentlich? Sie sind doch fast nie mehr hier.
Dann eben unregelmäßig.
Ein bisschen eitel könnte es schon wirken.
Gibt es etwas eitleres, als die Welt mit einem Weblog zu behelligen?
He, die Fragen stelle immer noch ich!
Mag sein, aber manchmal denkt man sich: das könnte ich aber besser.
Und? Können Sie's?
Vermutlich nicht.
Besteht nicht die Gefahr, dass Sie im Selbstinterview vor sich hinmonologisieren wie immer und Sie sich einfach nur einen fiktiven Stichwortgeber hinzumodellieren, der Ihnen ein paar Vorlagen liefern soll?
Hmmm. Aber worin sehen Sie dabei die Gefahr?
Es kann sehr langweilig werden.
Alles kann langweilig werden. Sie haben doch nur Angst, der Andrack vom Kutter zu werden.
Das sicher als letztes.
Nehmen Sie zum Beispiel die ganzseitigen Wochenende-Interviews in der Süddeutschen, da zeigt sich die ganze Bandbreite: grandiose Stücke mit John Cleese oder Larry Hagman oder Christoph Walz, bei denen der Interviewer manchmal Schwerstarbeit leistet. Ein durch und durch gescheitertes Gespräch mit Lou Reed: »Ich habe mehr von Edgar Allen Poe gelesen als Sie!« Großartig. Und dann ganz oft wieder wirklich öder Stuff, so wie heuer mit Frau Loren.
Am Freitag gab es wieder so ein 100-Fragen-Gespräch im SZ-Magazin...
Sehen Sie, Sie sind schon ein richtig guter Stichwortgeber! Die Idee mit den 100 Fragen in einer halben Stunde ist doch eigentlich sehr charmant, wie rhetorisches Blitzschach. Aber dem ganzen liegt ein Denkfehler zugrunde: Jedes gute Interview ist doch ein 100-Fragen-Gespräch. Mindestens. Die Kunst ist es, hinterher die langweiligen Passagen rauszukürzen, und schwupps!, ist man bei zehn Fragen und nicht bei hundert. Hundert, um Gottes willen!
Es sei denn, man spielt wirklich Blitzschach.
Aber dafür braucht es zwei Dinge: einen Gesprächspartner, der schnell denkt und pointiert spricht. Diese Woche: Lemmy von Motörhead! Ahem. Und natürlich einen Interviewer, der das Tempo, dass er vorlegt, auch selbst mitgehen kann. Und nicht zwischendurch seine kursivierten Gedanken einschieben muss, um dem ganzen Krempel zumindest nachträglich eine Rechtfertigung zu geben.
Von Tempo kann in unserem Gespräch hier ja keine Rede sein.
Richtig. Aber interessanter als die 100-Fragen-Gesprächs-Simulation mit Lemmy von Motörhead wird's komischerweise auch nicht...
Warum nur? Vielleicht sind Sie einfach ein durch und durch uninteressanter Gesprächspartner?
Pfff. Vielleicht suchen Sie sich einfach einen anderen, wenn's Ihnen nicht passt!
Pfff, können vor lachen!
Tja, man kommt einfach nicht aus seiner Haut, wie? So ist das beim Selbstgespräch.
Wie sind Sie eigentlich auf den absurden Gedanken dieses Selbstgesprächs gekommen?
Blogger sind die einzige Berufsgruppe, die zwar Fanpost kriegt, aber kaum interviewt wird. Außer vielleicht Herr Kantel. Der übrigens Krawatten sammelt. Allein dazu würden mir schon einige Fragen einfallen.
Bei Ihren Krawatten würden Sie nicht von einer Sammlung sprechen?
Ich hab sie ja nicht, weil ich sie sammle. Außerdem imitiere ich gern diesen famosen Auftritt von Helmut Berger im »Tausend-Tränen-Tief«-Video von Blumfeld: wie er einige Anzüge aus diesem weißen Riesenschrank wählt, in dem mindestens fünfzig weitere hängen, dazu einige Krawatten, die Sachen auf's Bett breitet, einen Schritt zurücktritt und, sein Kinn massierend, über die richtige Auswahl sinniert.
Ich beginne, Ihr Argument mit der Eitelkeit zu verstehen.
Als ich das Video zum ersten Mal sah, wollte ich spontan schwul werden. Es war so atemberaubend, ich wollte ein Teil davon sein.
Unsinn wie der, den Sie da gerade reden, meint man gemeinhin, wenn man heute von einem gelungenen Interview spricht.
Ich weiß. Ich geb mir ja Mühe.
Leiden Sie darunter, dass Sie keiner interviewt?
Wie ein Hund. Nein, natürlich nicht.
Manchmal machen Sie hier und dort Andeutungen, die Gesellschaft anderer Menschen nicht ertragen zu können. Wozu jetzt diese Geschwätzigkeit?
Blöde Frage. Mit wem reden Sie, wenn Sie mit keinem reden wollen? Mit sich selbst!
Warum dann überhaupt reden?
Wozu haben wir Sprache? Soll ich gleich einen Roman schreiben, nur weil ich nicht reden will? Es gibt einen Text von Eckhard Henscheid über einen Romanverhinderer. Dieser Mann ist mein Held!
Wer ist Ihr Held in der Wirklichkeit?
Fangen Sie jetzt nicht an mit dieser Fragebogen-Scheiße! »Welche historische Person verachten Sie am meisten?« Hmmm, lassen Sie mich nachdenken. Verachten ist so ein starkes Wort. Vielleicht... Hitler? »Was ist Ihre größte Schwäche?« Ähhm, hmmm, öhhhhm, ich weiß nicht... Ungeduld?
Manche antworten bei der Verachtungsfrage ausgewogen: Hitler und Stalin.
Ich sehe, Sie haben Ihren Henscheid gelesen.
In Weblogs greifen Fragebögen allgemein um sich. Warum?
Man gibt doch manchmal gern Auskunft über sich. Was ist denn der Reiz an einem Prominenten-Fragebogen in einer Zeitschrift oder Zeitung? Wir vergleichen die Antworten mit denen, die wir selbst gegeben hätten. Ich beantworte die Dinger im Kopf automatisch selbst. Und komme meist zu dem Ergebnis: Das hätte ich besser gekonnt. Aber mich fracht ja keener!
Jetzt schon.
Ja. Aber besser fühlt es sich trotzdem nicht an.
Vielleicht fragt keiner, weil ein Weblogger einfach nicht interessant ist.
Trotzdem bekomme ich Mails mit der Frage: Wer sind Sie? Mein Impressum wurde 740mal aufgerufen, und jede Woche googelt irgendjemand den Namen, der dort steht.
Das sind Sie doch selbst! Geben Sie's zu.
Nein. Ich weiß ja, dass der Name sonst nirgendwo auftauchen kann. Hehe. Hehehehe.
Aber Sie erwecken den Eindruck, man könnte Sie kennen.
Hehehe. Ich weiß. Hehe. So ein Unfug.
Ich muss zugeben, Ihre Eitelkeit habe ich unterschätzt.
Dann sind Sie noch nicht lange bei der Kutterei dabei.
So lange wie Sie. Ist das Interview als Textgattung nicht überflüssig geworden? Es gibt nur noch zwei Arten von Interviewten: durch Medientrainings gestählte Phrasendrescher, und bedauernswerte Amateure, die sich um Kopf und Kragen reden.
Man würde sich wünschen, es würden sich nicht nur die um Kopf und Kragen reden, die nichts dafür können.
Das meinte ich.
Von allen Interviews sind das ja die schlimmsten: die mit unterlegenen, unerfahrenen Gesprächspartnern, die vorgeführt werden sollen. Mir scheint, vorrangig dafür ist das Fernsehen wirklich erfunden worden.
Wollen Sie unser Gespräch lieber abbrechen?
Haha, lassen Sie sich erstmal eine gescheite Frage einfallen! Oder wollen Sie auch bis zur hundertsten warten, bevor Sie aufgeben?
Wie ich Ihr Weblog hier kenne, werden dann die 90 langweiligen Antworten trotzdem nicht rausgekürzt.
Bestimmt nicht. Selbstdarstellung hat auf dieser Seite keine Grenzen.
Wir drehen uns im Kreis, Herr Kutter.
Würden Sie dieses Gespräch etwa nicht als geglückt betrachten?
Ähm, nein. Als geglückt wohl sicher nicht.
Ich auch nicht.
Online stellen werden Sie es trotzdem?
Darauf können Sie wetten!
Ich bedanke mich für das Gespräch.
Bis zum nächsten mal.
Hmmmja. Man kommt ja nicht aus seiner Haut.






kaltmamsell  |  Montag, 1. Dezember 2003, 08:52
Glänzende Bestandaufnahme,
vielen Dank, Herr Kutter.
<klugscheiß>Die 100 Fragen im Süddeutschen Magazin sind immer vom Moritz von Uslar. Der hat das vermutlich auch erfunden und lässt niemand anderen.</klugscheiß>
Die Lou Reed-Geschichte hatte ich seinerzeit übrigens als Schulbuchbeispiel gesehen: Wie mache ich aus einer kompletten Niederlage doch noch eine lesenswerte Geschichte.







gHack  |  Montag, 1. Dezember 2003, 09:46
Ich würde mich nicht selbst interviewen wollen. Diese Pein!


 
supatyp  |  Montag, 1. Dezember 2003, 15:15
ich wäre mir
viel zu langweilig


 
kutter  |  Montag, 1. Dezember 2003, 20:08
Bloggen heißt: dahin gehen, wo's weh tut.


 
alpha  |  Montag, 1. Dezember 2003, 20:59
oder auch
wers liest ist selber schuld







alpha  |  Montag, 1. Dezember 2003, 10:14
interessanter insight
tat ich früher schon mal hier zb
alpha.antville.org

das ist eine reihe, herr kutter - welche es wert ist, fortgesÄtzt zu werden.


 
saunabiber  |  Montag, 1. Dezember 2003, 15:33
Dass sie den Unterschied zwischen Interview und sinnlosem Dialog nicht kennen, war klar


 
saunabiber  |  Montag, 1. Dezember 2003, 15:43
Der Vergleich mit dem, was Sie schreiben, ist eine Beleidigung.


 
saunabiber  |  Montag, 1. Dezember 2003, 22:00
was soll's, ist weihnachten. peace







slowburn  |  Montag, 1. Dezember 2003, 14:46
anmerkung wg. uslar im sz magazin







bur  |  Dienstag, 16. Dezember 2003, 22:53
Den Vergleich mit Helmut Berger lasse ich mir nicht so einfach gefallen. Es sei denn, Sie sehen entsprechend aus. Her mit den Fotos, Herr Kutter.


 
kutter  |  Mittwoch, 17. Dezember 2003, 17:16
Na, dann
kann ich ja wohl nicht anders:




 
bur  |  Samstag, 20. Dezember 2003, 18:05
nun,
das wäre ja ziemlich entsprechend.













Hier schreibt der Kutter.


 

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