Dichtheit & Wahrung. Hervorgegangen aus Der Kutter. Verdrängung ist, was uns über Wasser hält. http://kutter.antville.org/
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Gefechtserfahrung

Auf einmal ging alles sehr schnell. Kollege Bessmann hatte gerade den Wagen an der roten Ampel gestoppt, als sich plötzlich die Türen des vor uns stehenden Golfs öffneten. Zwei junge Männer sprangen heraus. Ich wusste, was passieren würde. »Los, Zentralverriegelung!«, rief ich. Hektisch griff ich nach hinten und kramte im Rückraum des Wagens. Die Männer standen bereits vor uns. Sie holten aus und —platsch!— zerplatzten zwei Yoghurt-Packungen auf unserer Windschutzscheibe. »Die Arschlöcher«, schrie Bessmann und schaltete den Scheibenwischer ein, der den Kleister kreuz und quer über die Scheibe schmierte, bis wir schließlich erkennen konnten, dass die Angreifer wieder in ihren Wagen gesprungen waren und losfuhren. Die Ampel stand auf grün. Alle fuhren, bloß wir nicht. Ich hatte derweil gefunden, wonach ich gesucht hatte. »Hab' einen«, rief ich, »Bessmann, gib Gas!«

Bessmann ließ die Reifen quitschen. Es ging rauf auf die Hochstraße, und jetzt zahlte sich endlich einmal aus, dass wir die Überlandtour fuhren: Die Tour war unbeliebt, weil sie länger war als alle anderen, aber dafür hatten wir den Turbo-Diesel. Bessmann überholte spielend, während ich das Beifahrerfenster herunterkurbelte. Nur einen Augenblick später zerbarst ein Schoko-Pudding von Puddis, einer Marke, die wir seltsamerweise immer in kyrilischer Beschriftung geliefert bekamen, oben links auf der Windschutzscheibe des gegnerischen Golfs. Ein zweiter klatschte auf die Essen auf Rädern-Werbetafel. »Ja, noch einen!«, rief Bessmann, dessen Laune sich augenblicklich gebessert hatte. »Nix, wir hauen ab«, beschied ich, zufrieden mein Werk im Rückspiegel betrachtend. Schließlich wurde ich gern als Stimme der Vernunft den eher unverlässigen Fahrern zugeteilt. Aufgrund meines gesetzten Alters und eines abgeschlossenen Universitätsstudiums galt ich als Respektsperson. Die Kollegen im Golf hatten genug, entschied ich.
Seit Tagen sind die Feuilletons voll von den Zivi-Erinnerungen ehemals zivildienstleistender Redakteure, und wie immer möchte ich mich, wenngleich kein Redakteur, den Feuilletons anschließen: Ja, auch ich habe während meines Zivildienstes wertvolle Erfahrungen gesammelt, die ich nicht missen möchte!
Wegen eines angeblichen Nierenschadens, den außer dem Kreiswehrersatzamt niemand (und später auch dieses selbst nicht mehr) wiederfinden konnte, gelangte ich erst mit etlichen Jahren Verspätung zu Essen auf Rädern. Was ich nicht wusste: Diese ruhmreiche Einrichtung, die sich den konsequenten Vitaminentzug unserer greisen Bevölkerung mittels Lieferung erkalteter Speisen auf die Fahnen geschrieben hat, ist die erste Anlaufstelle für die Autonarren (vulgo: die Bekloppten) unter den Kasernatsverweigerern. Was die einschlägigen Gewissensgründe betrifft, beweisen die Essenausfahrer jeden Tag auf's neue, dass sie keine Probleme damit hätten, mit einem Panzer ganze Dörfer plattzuwalzen, und seien es bewohnte. Eine These, die sich durch die innerbetriebliche Unfallstatistik jederzeit eindrucksvoll belegen ließe. Von den Yoghurt-Schlachten auf offener Straße ganz zu schweigen.

Vom Dienststellenleiter wurde ich nicht nur schnell als dufte Respektsperson, sondern auch als Intellektueller ausgemacht, was bedeutete, dass ich gelegentlich die festangestellten Kolleginnen im Büro unterstützen durfte. Dort beruhigte ich nicht nur alte Damen am Telefon, die sich Sorgen wegen der kyrillischen Zeichen auf dem Nachtisch machten (»Nein, Frau W., der Russe ist nicht da. Noch nicht«), sondern nahm auch die regelmäßigen Beschwerden aufgebrachter Verkehrsteilnehmer entgegen und versprach, die gemeldeten Übeltäter einer gerechten und vor allem harten Strafe zuzuführen. Erst der fortgesetzte Verzicht hierauf freilich begründete meinen Status als Respektsperson — dies und die Tatsache, dass ich den Schlüssel für die Kühlkammer verwaltete, in der verbotene Extraportionen lockten sowie streng wissenschaftliche Panik-Experimente durchgeführt werden konnten.

Meinen Zivildienst hatte ich fast vergessen, bis ich kürzlich von einem Offizier der Reserve, der sich außerhalb der Kriegszeiten als hohes Mitglied der deutschen Rechtsprechung durchschlagen muss, schneidig gefragt wurde, ob ich denn wohl jedient hätte. »Natürlich«, antwortete ich ihm zackig, »bei Essen auf Rädern!« Ich bezweifle, dass seine Gefechtserfahrung nennenswert an meine heranreicht.

Wie kann man das alles bloß kommenden Generationen vorenthalten wollen?






Albtraumjaeger  |  Montag, 19. Januar 2004, 18:15
:-))

nee, moment:

:-))))







Albtraumjaeger  |  Montag, 19. Januar 2004, 18:24
wenn wir bei antville ein weblog nur mit zivi-geschichten vollmachen würden: die öffentliche diskussion wäre eine andere.







ralph  |  Dienstag, 20. Januar 2004, 11:20
danke für das lesevergnügen :-)







Imladhrim  |  Dienstag, 20. Januar 2004, 18:15
treffend geschildert
uns fehlte die Respektsperson, daher.. naja... das Essen bekamen die Kunden jedenfalls immer schön warm (c;







rollinger  |  Dienstag, 27. Januar 2004, 15:30
oh hervorragend
ich kann mich da erinnern. 20 Monate Behindertentransporte, Blutkonserven und Pizza mit Sondersignal. Die Chefs korrupte Idioten die eiliges Blut von extra weit einchauffieren ließen, weil das mehr Geld bringt!













Hier schreibt der Kutter.


 

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