Dichtheit & Wahrung. Hervorgegangen aus Der Kutter. Verdrängung ist, was uns über Wasser hält. http://kutter.antville.org/
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ZRH brännt

Nun kann ich, das sollte vielleicht vorweg geschickt werden, mit Science Fiction- und Fantasy-Stoffen nicht so arg viel anfangen, ich bin ein Wirklichkeitsspießer, und je größer der Abstand wird, den ein Text zur herrschenden Realität einnimmt, desto mehr entferne ich mich in entgegengesetzter Richtung vom Text. Insofern nimmt es nicht Wunder, dass ich bei Günter Hacks Roman »ZRH« nach und nach aus dem Buch gefallen bin, ohne dass ich deshalb zwingend etwas gegen das Buch sagen könnte. »ZRH« startet grandios, brilliert mit scharfsinnigen, scharfkantigen Beobachtungen zur Fotographie (sowieso ein Hack-Fetisch), zur Wahrnehmung, zur Marktwirtschaft, und man sagt sich: Dieses Buch ist nicht ohne Grund im gleichen Verlag erschienen wie die Werke Jean-Philippe Toussaints. (Oh ja, ich weiß, wie sich das anhört: ein Blogger wäscht den anderen, aber erstens bin ich davon überzeugt, dass Günter Hack immer tiptop frischgeduscht ist und keine kuttersche Handwäsche benötigt, und zweitens meine ich das mit Toussaint vollkommen ernst, vergleichen Sie selbst!) Nach und nach erkennen wir dann, dass wir uns statt in einer fernen Gegenwart in einer nahen Zukunft befinden, wir lernen etwas über künftige genetische Identifikationsverfahren, über Migration und Abschottung, über ein neues, bestechendes Geschäftsmodell für die Schweiz (Leasing-Kantone, sapperlot!) und dessen Nutzen für deutsche Exilzahnärzte (allein dieses Wort!), und ich denke mir: Wenn Science Fiction uns erlaubt, einen kleinen Schritt von der Gegenwart zurücktreten, um das Bild vor uns deutlicher erkennen können, dann ist dagegen doch eigentlich gar nichts zu sagen. Ich fühle mich an William Gibsons letzte zwei Romane erinnert, »Pattern Recognition« und »Spook Country«, von denen ich zwar weiß, dass Hack sie nicht besonders schätzt, ich dafür aber durchaus. Da haben wir also einen spezialisierten, klugen, unter Unwohlsein leidenden Nobody mit einem ausgeprägten Sensorium, der unter sanftem, aber festen Druck zum Detektivspielen in kulturhistorischer Mission gedrängt wird, und allein die Idee, den Protagonisten nach jenem Film suchen zu lassen, der beim Dreh von »Blow Up« in David Hemmings Kamera steckte, ist ein gottverdammter Jahrhunderteinfall. Und Hack schafft spielend, was Gibson schon länger nicht mehr gelingt: den Blick auf das zu schärfen, was unsere Zeit prägt und treibt, was unter der Benutzeroberfläche der Städte pulst. Letzteres wird dann schließlich allzu wörtlich genommen: dunkle Mächte, schwarze Zünfte, Beschwörung der Toten, Risse in der Stadt, seltsame Materie, Swiss Life, und phew, hier bin ich raus. Ich will nicht sagen, dass das Finale kein Erlebnis ist: Hack entfesselt die Apokalypse mit allen ihm zur Verfügung stehenden sprachlichen Mitteln, und das sind so einige, das sind sogar etliche, er lässt derart die Hölle los auf Zürich, dass man sich fragt, was die Stadt ihm angetan haben muss, als er noch dort lebte, man ahnt, dass er froh ist, dort rechtzeitig herausgekommen zu sein. Das tosende, tobende Ende ist ein Erlebnis, ein expressionistischer Untergangsrausch (entweder das, oder ich habe alles falsch verstanden, auch das kann durchaus sein), aber es tost und tobt an mir vorbei. Vielleicht bin ich zu sehr dem bürgerlichen Realismus verfallen, vielleicht sogar dem sozialistischen Realismus, beschimpfen Sie mich ruhig. Aber dann kommt die letzte Szene, bei der ich mich kurz fragte, ob hier nicht die Himmelspforten weit aufgestoßen werden, ob wir uns hier wirklich noch an der schweizerisch-deutschen Grenze befinden oder nicht doch schon am Bühneneingang des Naturtheaters von Oklahama, oder nein: von Alabama, an der Owl Creek Bridge, ich dachte kurz an »Den brysomme mannen«, aber letztlich blieb ich ratlos, weil in diesem Sturm mein bewährtes Werkzeug einfach versagte, das versagt sogar bei dieser gutgelaunten Diskussion, ich verstehe kein Wort, längst keine Anspielung mehr, und so muss es wohl und dann eben sein, und niemand, keiner, nichts wird mich je wieder ans Echolot der Tiefenhermeneutik ketten. I will die with both of my hands untied!




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gHack  |  9. Februar 2010 15:29:12 MEZ

Besten Dank für Lektüre und freundlichen Bericht. Der Text ist ja so konstruiert wie ein Stereolab-Song. Das zentrifugale Moment ist durchaus mit einkalkuliert. Den Rest kann man sich schön langsam auf der Großhirnrinde zergehen lassen.


 
kutter  |  9. Februar 2010 16:02:16 MEZ

Da wo andere Großhirnrinde haben, ist bei mir nur noch Rindenmulch.


 
gHack  |  9. Februar 2010 16:14:25 MEZ

Dito. Wahrscheinlich sind wir im selben Geschäft tätig.

Einstweilen sonne ich mich im Irrlicht des völlig überzogenen Vergleichs mit dem von mir verehrten Herrn Toussaint. Ahem.


 
kutter  |  9. Februar 2010 17:24:38 MEZ

So wie Sie meine Branche in ZRH darstellen, bezweifle ich, dass wir in der selben Branche arbeiten.


 
gHack  |  9. Februar 2010 17:36:41 MEZ

Halb so wild. War eh der letzte Versuch. Ich kümmere mich nur noch um Pflanzen.


 
kutter  |  9. Februar 2010 18:16:46 MEZ

Pflanzen? Ich hätte jetzt gedacht: Vögel!















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